La Suisse à vélo

Galerie de photos

Kastanien

Le carnet de route se trouve sur:

Route Nord-Sud route-03
Route Nord-Sud
Basel–Chiasso
Vers l’itinéraire
Durch die Alpen

Durch die Alpen

Schon seit langem hegte ich diesen Traum. Mit dem Fahrrad durch die Alpen. Auch wenn einige meiner Freunde es für eine verrückte Idee hielten, und auch die Wetterbedingungen nicht ideal waren. Das Fieber hatte mich gepackt. Immer wieder lud ich die Internetseite www.veloland.ch auf meinen Computer und schaute mir die Radwanderrouten durch die Schweiz an…
Schon seit langem hegte ich diesen Traum. Mit dem Fahrrad durch die Alpen. Auch wenn einige meiner Freunde es für eine verrückte Idee hielten, und auch die Wetterbedingungen nicht ideal waren. Das Fieber hatte mich gepackt. Immer wieder lud ich die Internetseite www.veloland.ch auf meinen Computer und schaute mir die Radwanderrouten durch die Schweiz an. Am einfachsten wäre für mich die Nord-Süd-Route, da sie von Basel aus startet, und so leicht für mich zu erreichen ist.

Dennoch setzte ich den ersten Starttermin aus. Einmal wegen des Wetters und außerdem wegen eines Vorstellungsgespräch, das ich am Freitag noch kurzfristig hinein bekam. Der Vorstellungstermin fand im Liestal bei Basel statt und die Radroute führte ebenso durch dieses Tal. Das war ja überhaupt die Idee, beides miteinander zu verbinden. Nun aber noch blieb abzuwarten, wie sich das Wetter entwickeln würde. So ganz klare Aussagen gaben die unterschiedlichen Wetterberichte nicht. Für die Schweiz war Regen angesagt mit Möglichkeit auf Besserung in den nächsten Tagen. Besonders im Süden der Schweiz lag die Sonnenwahrscheinlichkeit höher. Also auf in den Süden.

Mein Entschluss war gefasst und die Vorbereitungen liefen an. Beim Gepäck konnte ich nicht ganz optimieren, da ich ja schließlich nicht im Radlerdress zum Gespräch konnte. Wenigstens bedarf es in meiner Branche keines Anzuges. Am Ende waren es dann doch zwei voll bepackte Satteltaschen und zusätzlich das Zelt und die Schlafmatte, die ich am Freitag Morgen um kurz nach 7 Uhr die Treppe zu meinem Rad hinunter schleppte.

Die Fahrt bis Basel verging rasch, denn ich döste die meiste Zeit, während die fleißigen Mitreisenden in die Tasten ihrer tragbaren Rechner schlugen. In Basel stieg ich um in Richtung Liestal. Fast jeder dürfte das Phänomen kennen, mit dem Zug an einen unbekannten Ort zu fahren, und dort jeglichen Richtungssinn verloren zu haben. Genau so ging es mir. Ich fand zwar einen Stadtplan und auch die gesuchte Straße, fuhr aber genau um 180 Grad verdreht in die falsche Richtung. Den Fehler bemerkte ich erst, als die Straßen überhaupt nichts mehr mit dem was ich vom Plan behalten hatte übereinstimmten. Sicherheit verschaffte mir ein weiterer Plan am Straßenrand. Ich war also falsch und der Zeitpuffer, über den ich verfügte, um pünktlich zum Gespräch zu erscheinen schmolz dahin. Große Schweißperlen auf der Stirn war ich dann doch noch pünktlich. Eine Stunde später stand ich wieder bei meinem Rad, einen Hospitationstermin in der Tasche. Dem Gegenüber hatte die Idee mit der Radtour gefallen. Ein Pluspunkt, den die anderen Kandidaten sicher nicht haben würden. Ich konnte mich in der Garage noch in Radlerkluft werfen und dann ging es los.

Der anfängliche Enthusiasmus hielt lange, obwohl es von Anfang an nieselte und nur noch nasser werden sollte. Ich folgte immer den Wegzeichen der Nationalen Route 3. Den Führer hatte ich mir nicht gekauft, da ich auf die Schweizer Gründlichkeit vertraute, und man sich bei der Routenführung sowieso kaum verfahren konnte. Denn ein Großteil des Weges verläuft durch Täler, deren Seiten von hohen Bergen eingeschlossen sind. Das klingt nun nach viel Steigung, aber in Wahrheit hält es sich für eine Alpendurchquerung in Grenzen. Und am ersten Tag galt es ja nur das Jura zu durchfahren. Am Ende des Tales stieg es dann ein paar hundert Höhenmeter knackig bergauf, und das war es für heute mit Steigung. Leider blieb mir die Alpensicht verwehrt. Ich sah nur die grauen Wolken, die nun zu allem Überfluss auch noch begannen, ihre Last abzuladen. Schnell zog ich meine Regenkleidung, derer ich mich bei der Steigung entledigt hatte, wieder an. Ich sollte sie heute den ganzen weiteren Tag tragen. Nun ging es in einer flotten Abfahrt nach Aarau, wo einen die Route durch den alten Stadtteil rund um den Kirchberg führt. Da ich mich gerade erst warmgefahren hatte, hielt ich mich nicht länger auf, sondern fuhr weiter auf dem Weg Richtung Sempacher See immer entlang der Suhr.

Es regnete nun die ganze Zeit und meine Räder gruben sich in den aufgeweichten Forstweg, so dass es immer schwerer wurde vorwärts zu kommen. Dennoch war ich zufrieden mit meiner Leistung. Der ersten Müdigkeit wollte ich in Sursee mit einem Kaffee entgegenwirken. Aber der Weg zog sich hin und das ständige Platschen auf meine Kapuze gemeinsam mit dem grau verhangenen Himmel und der relativen Eintönigkeit der Landschaft führten zu einer regelrechten Mittagsmüdigkeit. Endlich angekommen vermied ich das gut besuchte Stadtcafé, um keine erstaunten Blicke ob meiner triefenden und schmutzigen Kleidung auf mich zu ziehen. Stattdessen ging ich in ein kleines sympathisches Café, mit ebenso sympathischer Bedienung, wo ich einen großen Milchkaffee und mehrere Hörnchen (über die Zahl will ich mich nicht auslassen) zu mir nahm. Da meine nassen Füße jedoch drohten völlig auszukühlen, machte ich mich recht schnell wieder auf in Richtung Luzern.

Vom nun folgenden Streckenabschnitt blieb mir fast nichts in Erinnerung. Wobei ich nicht weiß, ob es am Weg oder an meiner zunehmenden Müdigkeit lag. Das einzige was zu jenem Zeitpunkt meinen Motor am Laufen hielt, war der Gedanke, dass ich mir ein Hotelzimmer gönnen würde anstatt zu Zelten. Und zwar eines mit Badewanne. Dann wollte ich mir die Spaghetti kochen, und sie in der Wanne sitzend verspeisen. Ich erreichte Luzern, wollte jedoch trotz des immer noch strömenden Regens nicht hier bleiben, sondern weiter nach Küssnacht. Denn welches Städtchen wäre besser für eine gute Nacht. Außerdem würde sich so die morgige Etappe etwas verkürzen. So zwang ich mich, an den zahlreich am Straßenrand lockenden Hotels vorbei zu fahren, bis ich endlich am kleinen Ort an einer Ecke des Vierwaldstätter Sees ankam. Ich steuerte das erste Hotel an. Ein Schild mit der Aufschrift „Betriebsferien“ hing an der Tür. Also Fehlanzeige. Das nächste Hotel lag im kleinen Ortskern. Ich lies einen Schwarm Abendgäste, die mich belustigt ansahen, vorüber, bevor ich eintrat. Die alte Dame am Empfang verneinte meine Anfrage nach einem freien Zimmer und fügte hinzu, dass ich es im Hirschen, im Rössl, im Hotel Bahnhof oder im Seehof probieren solle. Mehr gäbe es nicht.

Direkt nebenan befand sich der „Hirschen“. Ich lehnte mein Rad an das Eingangsportal und betrat die Empfangshalle. Alles supermodern und etwas steril eingerichtet. Auch die junge Frau am Empfang nannte mir kühl und sachlich den Preis für ein Zimmer. 105 Fr. und nur mit Dusche. Ich erklärte, dass ich noch sehen wolle, ob woanders ein Zimmer mit Badewanne bekäme und ansonsten gerne zurück käme. Letzteres hatte ich gesagt, da ich Angst bekam, überhaupt kein Zimmer mehr zu bekommen. Aber eigentlich passte ich nicht so recht in dieses Hotel. Nicht weit war das Rössl, wo der amüsiert lachende Wirt erklärte er habe kein freies Zimmer, und dann begann die anderen Hotels aufzuzählen. Ich ließ in höflicherweise ausreden, bedankte mich und ging wieder hinaus in den Regen. Blieb nur noch der Seehof, wie der Name schon sagt direkt am See gelegen. Ich war mir bewusst, dass es sich dort um die teuerste Lage handelte. Aber probieren wollte ich es doch. Es war ein altehrwürdiges Hotel, frequentiert von vermutlich ebenso altehrwürdigem Klientel. Ich ließ mich nicht abschrecken und trat ein. Hinter der Rezeption saß ein freundlicher junger Mann, der sich sichtlich über den frischen Wind freute, den ich in die dämmerige mit dunklem Holz getäfelte Eingangshalle brachte. Ich eröffnete ihm mein Anliegen. Nämlich dass ich ein Zimmer suche, was denn auch sonst, und zwar eines mit Badewanne. Er sah nach und fand eines für 120 Fr. Gar nicht so viel mehr als im Hirschen. Ich erzählte ihm etwas von Camping, Regen und kleinem Budget und vom Angebot im Konkurrenzhotel. Da das Zimmer dort ohne Badewanne war, einigten wir uns schließlich auf 110 Fr. Und diese 5 Fr. mehr haben sich gelohnt. Das Zimmer war geräumig, mit Seeblick, Fernseher und einem bombastischen Bad mit Wanne. Ich machte mich gleich ans Werk und baute meinen Spirituskocher direkt neben der Wanne auf. Während die Spaghetti köchelten, ließ ich das Wasser ein. Schließlich zweckentfremdete ich einen Regalboden aus dem Schrank, den ich als Tisch über den Wannenrand legte. Nach ausgiebigem Planschen und Futtern, legte ich mich ins Doppelbett und sah mir „One-Million-Dollar-Baby“ von und mit Clint Eastwood an. Ein toller Film, wie ich fand, obwohl mich Boxen nicht interessiert.

Jedoch die erhoffte Erholung brachte die Hotelnacht nicht. Ich schlief schlecht, schwitzte viel und erwachte früh um 6 Uhr. Das Halsweh, das mich seit einer Woche morgens manchmal peinigte, wünschte mir einen guten Tag und aus dem Spiegel blickte mir ein gerädertes Gesicht entgegen. Zudem meldete sich aus dem Hinterkopf die Stimme einer guten Freundin, die mir geraten hatte, keinen Sport zu treiben, wenn ich krank bin. Das könne aufs Herz übergehen. Ich hatte das nachgeforscht, und in seltenen Fällen kann sich der Herzmuskel tatsächlich entzünden. Ich beschloss, ganz langsam und ohne Anstrengung nach Flüelen zu fahren. Dort könnte ich dann ja entscheiden, ob ich abbreche und mit dem Zug zurückfahre, oder den Gotthardt doch in Angriff nehme.

Mit dem jungen Rezeptionisten hatte ich am Vorabend vereinbart, dass er mir ein Tablett mit dem Frühstück richten würde, so dass ich aufbrechen konnte wann ich wollte. Dieses fand ich nun vor der Türe und nahm es ein. Um 7 Uhr verließ ich das Hotel, in dem sich sonst noch nichts rührte.

Heute begleitete mich der Regen von Anfang an, genauso wie die Müdigkeit. Und daran konnte auch der Blick auf den See, der ebenso ständiger Begleiter war, nichts ändern. Der Weg führte meist an der Uferstraße entlang, mal näher am Wasser mal hoch oben auf steil ins Wasser abfallenden Felsen. Ich war schon eine gute Weile unterwegs gewesen, als ich endlich am Ende des Sees anlangte. Aber das Ende entpuppte sich nur als eine Weitere Biegung. Der Ort, der in dieser Biegung lag, war Brunnen. Also ging es weiter entlang der nun stark befahrenen Verkehrsstraße. Und erst eine weitere Stunde später erreichte ich Flüelen, welches nun wirklich am Ende des Sees lag. Dort stellte ich mich auf einem Bootssteg unter, zog mir trockene Kleider an, Vesperte und hielt sogar ein Schläfchen auf der Isomatte. Das wäre sicher erholsam gewesen, wenn nicht eine Horde Kinder den Bootssteg als Spielplatz genutzt hätten. Jedoch hatte sich das Wetter verbessert. Es regnete nicht mehr. Auch mein Halsweh war verschwunden, so dass ich beschloss weiterzufahren. Hinauf in Richtung Göschenen. Das Tal ist hier zunächst breit und gesäumt von hohen Bergen. Von diesen sah ich allerdings nur den unteren Teil, da alles was darüber lag in den Wolken versteckt blieb. Vielleicht war dem auch gut so, hätte mich der Anblick der hohen Berge doch nur daran erinnert, wie weit hinauf ich noch musste. Aber zunächst stieg der Weg nur mäßig und fast unmerklich an. Dafür machte sich mein rechtes Knie bemerkbar. Ein stechender Schmerz durchzog es jedes Mal, wenn ich Kraft aufs Pedal übertrug. Ärgerlich, wenn man bedenkt, dass die Kraft auf dem Pedal das ist, was einen voran bringt. Zum Glück hat der Mensch zwei Beine. Und so trat ich mit dem Linken ins Pedal, während das rechte sich nur so mitdrehte. Ein Schild kündigte an: 1560 Meter auf 34 Km. Und das mit einem Bein? Das konnte ja heiter werden.

Ich war langsam, sehr langsam. Bei einer der vielen Pausen, die ich einlegte, kam mir ein italienischer Radlerkollege entgegen. Dieser gab mir auf englisch zu verstehen, dass der Pass sich nicht lohne, da oben Schnee auf der alten Passstraße liege und man nur die Autostraße fahren könne. Er sei mit dem Zug durch den Berg, auf der anderen Seite sei der Weg dann auch schön. Nicht so wie hier mit den vielen Autos, die an einem vorbeirauschten. Dann fuhr er weiter. Ich ordnete ihn gleich den schlechten Dämonen zu, die einen vom Ziel abhalten sollten. Deshalb hatte ich auch nicht gefragt, wie weit es noch bis Göschenen sei. Und darüber war ich im Nachhinein froh, denn es war noch weit genug und mal mehr mal weniger steil.

Ich erreichte schließlich Wassen, mit der berühmten Kirche auf einer Anhöhe inmitten des Tals. Da es so gegen 15 Uhr war, dachte ich es sei Zeit für einen Kaffee. Ein wenig ab von der Straße entdeckte ich das Hotel-Restaurant Gerig, das mir sympathisch erschien. Der erste Eindruck wurde im Inneren durch die Freundlichkeit der zwei netten Bedienungen verstärkt, so dass ich mich nach einem langen Milchkaffee entschied bereits hier ein Zimmer zu nehmen, wenn die Preise nicht zu hoch wären. Die wenigen Kilometer bis Göschenen könnte ich ja auch am nächsten Morgen noch zurücklegen. Der Preis für das günstigste Zimmer war 50 Franken, was mich angesichts meines Zustandes schnell überzeugte. Auch wenn sich das Zimmer als klein und muffig herausstellte, bereute ich diese Entscheidung nicht. Ich machte noch einen kleinten Spaziergang in das kleine Seitental, das zum Sustenpass hinauf führt. Die Schönheit war dermaßen, dass ich nicht auf mein rechtes Knie achtete. Später dann kochte ich mir auf dem Zimmer meine Spaghetti und ging anschließend noch auf ein Bier in den Gastraum, wo ich auch noch ein wenig von der Freundlichkeit der Bedienungen profitierte. Diese Nacht schlief ich tief und fest. Und als ich in der Früh erwachte, fehlte etwas. Ja genau wo war das Halsweh? Dafür war der Schmerz im Knie noch da. Auf den war Verlass.

Draußen war blauer Himmel und die ersten Sonnenstrahlen erleuchteten die Berggipfel. Bei einem kleinen Spaziergang entdeckte ich dann endlich die mich umgebende Bergwelt. Um 7 Uhr frühstückte ich, womit ich bei weitem der Erste war im Hotel. Wenig später saß ich dann in Richtung Gotthard im Sattel. Endlich einmal radeln, ohne gleichzeitig zu duschen. Auf der Straße war zu so früher Stunde am Sonntagmorgen kaum etwas los. Der kurze Weg nach Göschenen erschien mir lang, was wohl aus einer Addition von Steigung, Gewicht des Gepäcks und dem Versagen meines rechten Knies resultierte. Die erzwungene Langsamkeit erlaubte mir jedoch, die immer schöner werdende Kulisse zu bestaunen.

Göschenen schlief auch noch, als ich es kurz nach 8 Uhr erreichte. Die Berge ringsum erstrahlten im goldenen Licht der Morgensonne. Der Salbitschijen mit seinen gewaltigen Felszacken hat es mir besonders angetan. Eine weitere Stunde später war ich im gerade erwachenden Andermatt. Nun ging die Strecke zunächst flach durch das Hochtal. Am Straßenrand prangte ein Schild mit der Aufschrift: 650 Hm auf 9 Km. Das sollte doch zu schaffen sein.

Ein in die Jahre gekommener italienischer Rennradler war etwa im selben Tempo wie ich unterwegs. Mal überholte ich ihn, und mal er mich. Dass ich dann oben auf dem Pass vor ihm ankam, verdankte ich der Tatsache, dass er mich vor dem vielen Schnee auf der alten Passstraße gewarnt hatte, so dass ich rechtzeitig umgedreht hatte. Das obere Stück auf der neuen Straße ist leider nicht so schön, aber dennoch war es toll ganz oben anzukommen. Und war bislang meine Tour eher durch meine alleinige Präsenz auf dem Radweg gekennzeichnet, so wartete der Pass mit einem eigenartigen Menschentrubel aus Sportlern, Bustouristen und Durchreisenden auf. Ein braungebrannter Bergfreak, der gerade seine Tourenski verräumte, warf einen anerkennenden Blick auf mein Gepäck und quatschte mich auf englisch an, wie schön das Wetter sei. Nachdem ich meine Trinkflasche bis auf den letzten Tropfen ausgesaugt hatte, ließ ich mich zum Hospiz hinabrollen. Dort war noch mehr los, so dass die Atmosphäre einem Jahrmarkt glich.

Ich traf einen anderen Radreisenden, der den Pass von der anderen Seite gefahren war. Bei ihm zog ich Erkundigungen zum Zustand der Via Tremola ein. Sie sei nur an wenigen Stellen verschneit und weiter unten gut befahrbar. Und da er sie heraufgefahren sei, käme ich wohl auch hinab. Eine erfreuliche Neuigkeit. Es hätte sein können, dass hier kein Weiterkommen gewesen wäre, wenn der Schnee noch zu hoch gelegen wäre. Meines Wissens ist die neue Straße den Autofahrern vorbehalten. So aber machte ich mich bereit zur längsten Abfahrt meines bisherigen Lebens. 1750 Hm auf 42 Km, wie ein Schild an der Straße mich später belehrte. Die gepflasterte Straße ging links herum, rechts herum und wieder links immer in kleinen Kehren den Berg hinab. Die vielen Tausend Pflastersteine waren in der Zeit von 1827 bis 1830 hier verlegt worden. Ein herrliches Stück Weg, wie ich befand. Besonders freute ich mich über den Umstand, dass ich fuhr, ohne in die Pedale treten zu müssen. Es lief gut und so fuhr ich einfach durch Airolo durch, an Biasca vorbei und weiter Richtung Bellinzona. Die Strecke war schon lang wieder flach und ich musste wieder treten, um vorwärts zu kommen. Dies spürte ich auch im Knie und die letzten Kilometer bis Bellinzona, wo ich eine Eispause einlegen wollte, waren eine Quälerei. Aber das Eis gab mir dann nochmals so viel Kraft, dass ich auf den folgenden 15 Km auf immer leicht abfallender Straße nochmals richtig Gas gab, so dass ich zahlreichen Rennradlern auf ihren Carbonrädern Konkurrenz machte. Und dann täuschte ich mich über die Wegstrecke, dachte dass es nun irgendwann rechts abgehen müsste in Richtung Lago. Da blitzte auf einmal blaues Wasser am Ende einer Sackgasse. Mit einem inneren Jauchzen bog ich in die kleine Straße ein und stand einen Moment später auf dem Bootssteg von Tenero. Es war 16 Uhr mitteleuropäischer Zeitrechnung. Nebenan befand sich der Camping Tamaro. Ich beschloss, dass mir seine 5 Sterne genügen würden und checkte ein. Und dieser Camping hatte ein auf Fernradler wie mich zugeschnittenes Angebot: „Igloo for Fun“. Da bekommt man 5 Quadratmeter Rasen inklusive all der sonstigen Serviceangebote des Camping für 9 Fr. und weitere 6 Fr. pro Person. In meinem Fall 15 Fr. Echt günstig! Schnurstracks stand das Zelt und ich lag im See.

Schade am nächsten Tag würde die Reise zurück gehen. Dieses Mal allerdings mit dem Zug von Locarno aus.
Schon seit langem hegte ich diesen Traum. Mit dem Fahrrad durch die Alpen. Auch wenn einige meiner Freunde es für eine verrückte Idee hielten, und auch die Wetterbedingungen nicht ideal waren. Das Fieber hatte mich gepackt. Immer wieder lud ich die Internetseite www.veloland.ch auf meinen Computer und schaute mir die Radwanderrouten durch die Schweiz an…
Schon seit langem hegte ich diesen Traum. Mit dem Fahrrad durch die Alpen. Auch wenn einige meiner Freunde es für eine verrückte Idee hielten, und auch die Wetterbedingungen nicht ideal waren. Das Fieber hatte mich gepackt. Immer wieder lud ich die Internetseite www.veloland.ch auf meinen Computer und schaute mir die Radwanderrouten durch die Schweiz an. Am einfachsten wäre für mich die Nord-Süd-Route, da sie von Basel aus startet, und so leicht für mich zu erreichen ist.

Dennoch setzte ich den ersten Starttermin aus. Einmal wegen des Wetters und außerdem wegen eines Vorstellungsgespräch, das ich am Freitag noch kurzfristig hinein bekam. Der Vorstellungstermin fand im Liestal bei Basel statt und die Radroute führte ebenso durch dieses Tal. Das war ja überhaupt die Idee, beides miteinander zu verbinden. Nun aber noch blieb abzuwarten, wie sich das Wetter entwickeln würde. So ganz klare Aussagen gaben die unterschiedlichen Wetterberichte nicht. Für die Schweiz war Regen angesagt mit Möglichkeit auf Besserung in den nächsten Tagen. Besonders im Süden der Schweiz lag die Sonnenwahrscheinlichkeit höher. Also auf in den Süden.

Mein Entschluss war gefasst und die Vorbereitungen liefen an. Beim Gepäck konnte ich nicht ganz optimieren, da ich ja schließlich nicht im Radlerdress zum Gespräch konnte. Wenigstens bedarf es in meiner Branche keines Anzuges. Am Ende waren es dann doch zwei voll bepackte Satteltaschen und zusätzlich das Zelt und die Schlafmatte, die ich am Freitag Morgen um kurz nach 7 Uhr die Treppe zu meinem Rad hinunter schleppte.

Die Fahrt bis Basel verging rasch, denn ich döste die meiste Zeit, während die fleißigen Mitreisenden in die Tasten ihrer tragbaren Rechner schlugen. In Basel stieg ich um in Richtung Liestal. Fast jeder dürfte das Phänomen kennen, mit dem Zug an einen unbekannten Ort zu fahren, und dort jeglichen Richtungssinn verloren zu haben. Genau so ging es mir. Ich fand zwar einen Stadtplan und auch die gesuchte Straße, fuhr aber genau um 180 Grad verdreht in die falsche Richtung. Den Fehler bemerkte ich erst, als die Straßen überhaupt nichts mehr mit dem was ich vom Plan behalten hatte übereinstimmten. Sicherheit verschaffte mir ein weiterer Plan am Straßenrand. Ich war also falsch und der Zeitpuffer, über den ich verfügte, um pünktlich zum Gespräch zu erscheinen schmolz dahin. Große Schweißperlen auf der Stirn war ich dann doch noch pünktlich. Eine Stunde später stand ich wieder bei meinem Rad, einen Hospitationstermin in der Tasche. Dem Gegenüber hatte die Idee mit der Radtour gefallen. Ein Pluspunkt, den die anderen Kandidaten sicher nicht haben würden. Ich konnte mich in der Garage noch in Radlerkluft werfen und dann ging es los.

Der anfängliche Enthusiasmus hielt lange, obwohl es von Anfang an nieselte und nur noch nasser werden sollte. Ich folgte immer den Wegzeichen der Nationalen Route 3. Den Führer hatte ich mir nicht gekauft, da ich auf die Schweizer Gründlichkeit vertraute, und man sich bei der Routenführung sowieso kaum verfahren konnte. Denn ein Großteil des Weges verläuft durch Täler, deren Seiten von hohen Bergen eingeschlossen sind. Das klingt nun nach viel Steigung, aber in Wahrheit hält es sich für eine Alpendurchquerung in Grenzen. Und am ersten Tag galt es ja nur das Jura zu durchfahren. Am Ende des Tales stieg es dann ein paar hundert Höhenmeter knackig bergauf, und das war es für heute mit Steigung. Leider blieb mir die Alpensicht verwehrt. Ich sah nur die grauen Wolken, die nun zu allem Überfluss auch noch begannen, ihre Last abzuladen. Schnell zog ich meine Regenkleidung, derer ich mich bei der Steigung entledigt hatte, wieder an. Ich sollte sie heute den ganzen weiteren Tag tragen. Nun ging es in einer flotten Abfahrt nach Aarau, wo einen die Route durch den alten Stadtteil rund um den Kirchberg führt. Da ich mich gerade erst warmgefahren hatte, hielt ich mich nicht länger auf, sondern fuhr weiter auf dem Weg Richtung Sempacher See immer entlang der Suhr.

Es regnete nun die ganze Zeit und meine Räder gruben sich in den aufgeweichten Forstweg, so dass es immer schwerer wurde vorwärts zu kommen. Dennoch war ich zufrieden mit meiner Leistung. Der ersten Müdigkeit wollte ich in Sursee mit einem Kaffee entgegenwirken. Aber der Weg zog sich hin und das ständige Platschen auf meine Kapuze gemeinsam mit dem grau verhangenen Himmel und der relativen Eintönigkeit der Landschaft führten zu einer regelrechten Mittagsmüdigkeit. Endlich angekommen vermied ich das gut besuchte Stadtcafé, um keine erstaunten Blicke ob meiner triefenden und schmutzigen Kleidung auf mich zu ziehen. Stattdessen ging ich in ein kleines sympathisches Café, mit ebenso sympathischer Bedienung, wo ich einen großen Milchkaffee und mehrere Hörnchen (über die Zahl will ich mich nicht auslassen) zu mir nahm. Da meine nassen Füße jedoch drohten völlig auszukühlen, machte ich mich recht schnell wieder auf in Richtung Luzern.

Vom nun folgenden Streckenabschnitt blieb mir fast nichts in Erinnerung. Wobei ich nicht weiß, ob es am Weg oder an meiner zunehmenden Müdigkeit lag. Das einzige was zu jenem Zeitpunkt meinen Motor am Laufen hielt, war der Gedanke, dass ich mir ein Hotelzimmer gönnen würde anstatt zu Zelten. Und zwar eines mit Badewanne. Dann wollte ich mir die Spaghetti kochen, und sie in der Wanne sitzend verspeisen. Ich erreichte Luzern, wollte jedoch trotz des immer noch strömenden Regens nicht hier bleiben, sondern weiter nach Küssnacht. Denn welches Städtchen wäre besser für eine gute Nacht. Außerdem würde sich so die morgige Etappe etwas verkürzen. So zwang ich mich, an den zahlreich am Straßenrand lockenden Hotels vorbei zu fahren, bis ich endlich am kleinen Ort an einer Ecke des Vierwaldstätter Sees ankam. Ich steuerte das erste Hotel an. Ein Schild mit der Aufschrift „Betriebsferien“ hing an der Tür. Also Fehlanzeige. Das nächste Hotel lag im kleinen Ortskern. Ich lies einen Schwarm Abendgäste, die mich belustigt ansahen, vorüber, bevor ich eintrat. Die alte Dame am Empfang verneinte meine Anfrage nach einem freien Zimmer und fügte hinzu, dass ich es im Hirschen, im Rössl, im Hotel Bahnhof oder im Seehof probieren solle. Mehr gäbe es nicht.

Direkt nebenan befand sich der „Hirschen“. Ich lehnte mein Rad an das Eingangsportal und betrat die Empfangshalle. Alles supermodern und etwas steril eingerichtet. Auch die junge Frau am Empfang nannte mir kühl und sachlich den Preis für ein Zimmer. 105 Fr. und nur mit Dusche. Ich erklärte, dass ich noch sehen wolle, ob woanders ein Zimmer mit Badewanne bekäme und ansonsten gerne zurück käme. Letzteres hatte ich gesagt, da ich Angst bekam, überhaupt kein Zimmer mehr zu bekommen. Aber eigentlich passte ich nicht so recht in dieses Hotel. Nicht weit war das Rössl, wo der amüsiert lachende Wirt erklärte er habe kein freies Zimmer, und dann begann die anderen Hotels aufzuzählen. Ich ließ in höflicherweise ausreden, bedankte mich und ging wieder hinaus in den Regen. Blieb nur noch der Seehof, wie der Name schon sagt direkt am See gelegen. Ich war mir bewusst, dass es sich dort um die teuerste Lage handelte. Aber probieren wollte ich es doch. Es war ein altehrwürdiges Hotel, frequentiert von vermutlich ebenso altehrwürdigem Klientel. Ich ließ mich nicht abschrecken und trat ein. Hinter der Rezeption saß ein freundlicher junger Mann, der sich sichtlich über den frischen Wind freute, den ich in die dämmerige mit dunklem Holz getäfelte Eingangshalle brachte. Ich eröffnete ihm mein Anliegen. Nämlich dass ich ein Zimmer suche, was denn auch sonst, und zwar eines mit Badewanne. Er sah nach und fand eines für 120 Fr. Gar nicht so viel mehr als im Hirschen. Ich erzählte ihm etwas von Camping, Regen und kleinem Budget und vom Angebot im Konkurrenzhotel. Da das Zimmer dort ohne Badewanne war, einigten wir uns schließlich auf 110 Fr. Und diese 5 Fr. mehr haben sich gelohnt. Das Zimmer war geräumig, mit Seeblick, Fernseher und einem bombastischen Bad mit Wanne. Ich machte mich gleich ans Werk und baute meinen Spirituskocher direkt neben der Wanne auf. Während die Spaghetti köchelten, ließ ich das Wasser ein. Schließlich zweckentfremdete ich einen Regalboden aus dem Schrank, den ich als Tisch über den Wannenrand legte. Nach ausgiebigem Planschen und Futtern, legte ich mich ins Doppelbett und sah mir „One-Million-Dollar-Baby“ von und mit Clint Eastwood an. Ein toller Film, wie ich fand, obwohl mich Boxen nicht interessiert.

Jedoch die erhoffte Erholung brachte die Hotelnacht nicht. Ich schlief schlecht, schwitzte viel und erwachte früh um 6 Uhr. Das Halsweh, das mich seit einer Woche morgens manchmal peinigte, wünschte mir einen guten Tag und aus dem Spiegel blickte mir ein gerädertes Gesicht entgegen. Zudem meldete sich aus dem Hinterkopf die Stimme einer guten Freundin, die mir geraten hatte, keinen Sport zu treiben, wenn ich krank bin. Das könne aufs Herz übergehen. Ich hatte das nachgeforscht, und in seltenen Fällen kann sich der Herzmuskel tatsächlich entzünden. Ich beschloss, ganz langsam und ohne Anstrengung nach Flüelen zu fahren. Dort könnte ich dann ja entscheiden, ob ich abbreche und mit dem Zug zurückfahre, oder den Gotthardt doch in Angriff nehme.

Mit dem jungen Rezeptionisten hatte ich am Vorabend vereinbart, dass er mir ein Tablett mit dem Frühstück richten würde, so dass ich aufbrechen konnte wann ich wollte. Dieses fand ich nun vor der Türe und nahm es ein. Um 7 Uhr verließ ich das Hotel, in dem sich sonst noch nichts rührte.

Heute begleitete mich der Regen von Anfang an, genauso wie die Müdigkeit. Und daran konnte auch der Blick auf den See, der ebenso ständiger Begleiter war, nichts ändern. Der Weg führte meist an der Uferstraße entlang, mal näher am Wasser mal hoch oben auf steil ins Wasser abfallenden Felsen. Ich war schon eine gute Weile unterwegs gewesen, als ich endlich am Ende des Sees anlangte. Aber das Ende entpuppte sich nur als eine Weitere Biegung. Der Ort, der in dieser Biegung lag, war Brunnen. Also ging es weiter entlang der nun stark befahrenen Verkehrsstraße. Und erst eine weitere Stunde später erreichte ich Flüelen, welches nun wirklich am Ende des Sees lag. Dort stellte ich mich auf einem Bootssteg unter, zog mir trockene Kleider an, Vesperte und hielt sogar ein Schläfchen auf der Isomatte. Das wäre sicher erholsam gewesen, wenn nicht eine Horde Kinder den Bootssteg als Spielplatz genutzt hätten. Jedoch hatte sich das Wetter verbessert. Es regnete nicht mehr. Auch mein Halsweh war verschwunden, so dass ich beschloss weiterzufahren. Hinauf in Richtung Göschenen. Das Tal ist hier zunächst breit und gesäumt von hohen Bergen. Von diesen sah ich allerdings nur den unteren Teil, da alles was darüber lag in den Wolken versteckt blieb. Vielleicht war dem auch gut so, hätte mich der Anblick der hohen Berge doch nur daran erinnert, wie weit hinauf ich noch musste. Aber zunächst stieg der Weg nur mäßig und fast unmerklich an. Dafür machte sich mein rechtes Knie bemerkbar. Ein stechender Schmerz durchzog es jedes Mal, wenn ich Kraft aufs Pedal übertrug. Ärgerlich, wenn man bedenkt, dass die Kraft auf dem Pedal das ist, was einen voran bringt. Zum Glück hat der Mensch zwei Beine. Und so trat ich mit dem Linken ins Pedal, während das rechte sich nur so mitdrehte. Ein Schild kündigte an: 1560 Meter auf 34 Km. Und das mit einem Bein? Das konnte ja heiter werden.

Ich war langsam, sehr langsam. Bei einer der vielen Pausen, die ich einlegte, kam mir ein italienischer Radlerkollege entgegen. Dieser gab mir auf englisch zu verstehen, dass der Pass sich nicht lohne, da oben Schnee auf der alten Passstraße liege und man nur die Autostraße fahren könne. Er sei mit dem Zug durch den Berg, auf der anderen Seite sei der Weg dann auch schön. Nicht so wie hier mit den vielen Autos, die an einem vorbeirauschten. Dann fuhr er weiter. Ich ordnete ihn gleich den schlechten Dämonen zu, die einen vom Ziel abhalten sollten. Deshalb hatte ich auch nicht gefragt, wie weit es noch bis Göschenen sei. Und darüber war ich im Nachhinein froh, denn es war noch weit genug und mal mehr mal weniger steil.

Ich erreichte schließlich Wassen, mit der berühmten Kirche auf einer Anhöhe inmitten des Tals. Da es so gegen 15 Uhr war, dachte ich es sei Zeit für einen Kaffee. Ein wenig ab von der Straße entdeckte ich das Hotel-Restaurant Gerig, das mir sympathisch erschien. Der erste Eindruck wurde im Inneren durch die Freundlichkeit der zwei netten Bedienungen verstärkt, so dass ich mich nach einem langen Milchkaffee entschied bereits hier ein Zimmer zu nehmen, wenn die Preise nicht zu hoch wären. Die wenigen Kilometer bis Göschenen könnte ich ja auch am nächsten Morgen noch zurücklegen. Der Preis für das günstigste Zimmer war 50 Franken, was mich angesichts meines Zustandes schnell überzeugte. Auch wenn sich das Zimmer als klein und muffig herausstellte, bereute ich diese Entscheidung nicht. Ich machte noch einen kleinten Spaziergang in das kleine Seitental, das zum Sustenpass hinauf führt. Die Schönheit war dermaßen, dass ich nicht auf mein rechtes Knie achtete. Später dann kochte ich mir auf dem Zimmer meine Spaghetti und ging anschließend noch auf ein Bier in den Gastraum, wo ich auch noch ein wenig von der Freundlichkeit der Bedienungen profitierte. Diese Nacht schlief ich tief und fest. Und als ich in der Früh erwachte, fehlte etwas. Ja genau wo war das Halsweh? Dafür war der Schmerz im Knie noch da. Auf den war Verlass.

Draußen war blauer Himmel und die ersten Sonnenstrahlen erleuchteten die Berggipfel. Bei einem kleinen Spaziergang entdeckte ich dann endlich die mich umgebende Bergwelt. Um 7 Uhr frühstückte ich, womit ich bei weitem der Erste war im Hotel. Wenig später saß ich dann in Richtung Gotthard im Sattel. Endlich einmal radeln, ohne gleichzeitig zu duschen. Auf der Straße war zu so früher Stunde am Sonntagmorgen kaum etwas los. Der kurze Weg nach Göschenen erschien mir lang, was wohl aus einer Addition von Steigung, Gewicht des Gepäcks und dem Versagen meines rechten Knies resultierte. Die erzwungene Langsamkeit erlaubte mir jedoch, die immer schöner werdende Kulisse zu bestaunen.

Göschenen schlief auch noch, als ich es kurz nach 8 Uhr erreichte. Die Berge ringsum erstrahlten im goldenen Licht der Morgensonne. Der Salbitschijen mit seinen gewaltigen Felszacken hat es mir besonders angetan. Eine weitere Stunde später war ich im gerade erwachenden Andermatt. Nun ging die Strecke zunächst flach durch das Hochtal. Am Straßenrand prangte ein Schild mit der Aufschrift: 650 Hm auf 9 Km. Das sollte doch zu schaffen sein.

Ein in die Jahre gekommener italienischer Rennradler war etwa im selben Tempo wie ich unterwegs. Mal überholte ich ihn, und mal er mich. Dass ich dann oben auf dem Pass vor ihm ankam, verdankte ich der Tatsache, dass er mich vor dem vielen Schnee auf der alten Passstraße gewarnt hatte, so dass ich rechtzeitig umgedreht hatte. Das obere Stück auf der neuen Straße ist leider nicht so schön, aber dennoch war es toll ganz oben anzukommen. Und war bislang meine Tour eher durch meine alleinige Präsenz auf dem Radweg gekennzeichnet, so wartete der Pass mit einem eigenartigen Menschentrubel aus Sportlern, Bustouristen und Durchreisenden auf. Ein braungebrannter Bergfreak, der gerade seine Tourenski verräumte, warf einen anerkennenden Blick auf mein Gepäck und quatschte mich auf englisch an, wie schön das Wetter sei. Nachdem ich meine Trinkflasche bis auf den letzten Tropfen ausgesaugt hatte, ließ ich mich zum Hospiz hinabrollen. Dort war noch mehr los, so dass die Atmosphäre einem Jahrmarkt glich.

Ich traf einen anderen Radreisenden, der den Pass von der anderen Seite gefahren war. Bei ihm zog ich Erkundigungen zum Zustand der Via Tremola ein. Sie sei nur an wenigen Stellen verschneit und weiter unten gut befahrbar. Und da er sie heraufgefahren sei, käme ich wohl auch hinab. Eine erfreuliche Neuigkeit. Es hätte sein können, dass hier kein Weiterkommen gewesen wäre, wenn der Schnee noch zu hoch gelegen wäre. Meines Wissens ist die neue Straße den Autofahrern vorbehalten. So aber machte ich mich bereit zur längsten Abfahrt meines bisherigen Lebens. 1750 Hm auf 42 Km, wie ein Schild an der Straße mich später belehrte. Die gepflasterte Straße ging links herum, rechts herum und wieder links immer in kleinen Kehren den Berg hinab. Die vielen Tausend Pflastersteine waren in der Zeit von 1827 bis 1830 hier verlegt worden. Ein herrliches Stück Weg, wie ich befand. Besonders freute ich mich über den Umstand, dass ich fuhr, ohne in die Pedale treten zu müssen. Es lief gut und so fuhr ich einfach durch Airolo durch, an Biasca vorbei und weiter Richtung Bellinzona. Die Strecke war schon lang wieder flach und ich musste wieder treten, um vorwärts zu kommen. Dies spürte ich auch im Knie und die letzten Kilometer bis Bellinzona, wo ich eine Eispause einlegen wollte, waren eine Quälerei. Aber das Eis gab mir dann nochmals so viel Kraft, dass ich auf den folgenden 15 Km auf immer leicht abfallender Straße nochmals richtig Gas gab, so dass ich zahlreichen Rennradlern auf ihren Carbonrädern Konkurrenz machte. Und dann täuschte ich mich über die Wegstrecke, dachte dass es nun irgendwann rechts abgehen müsste in Richtung Lago. Da blitzte auf einmal blaues Wasser am Ende einer Sackgasse. Mit einem inneren Jauchzen bog ich in die kleine Straße ein und stand einen Moment später auf dem Bootssteg von Tenero. Es war 16 Uhr mitteleuropäischer Zeitrechnung. Nebenan befand sich der Camping Tamaro. Ich beschloss, dass mir seine 5 Sterne genügen würden und checkte ein. Und dieser Camping hatte ein auf Fernradler wie mich zugeschnittenes Angebot: „Igloo for Fun“. Da bekommt man 5 Quadratmeter Rasen inklusive all der sonstigen Serviceangebote des Camping für 9 Fr. und weitere 6 Fr. pro Person. In meinem Fall 15 Fr. Echt günstig! Schnurstracks stand das Zelt und ich lag im See.

Schade am nächsten Tag würde die Reise zurück gehen. Dieses Mal allerdings mit dem Zug von Locarno aus.

Le carnet de route se trouve sur:

Route Nord-Sud route-03
Route Nord-Sud
Basel–Chiasso
Vers l’itinéraire