Cycling in Switzerland

Route report
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The travel report lies on:

Herzroute route-099
Herzroute
Lausanne–Rorschach
To route
Discovering Route 99

Discovering Route 99

Eigentlich wollte ich dieses Jahr wieder einmal über ein paar Pässe fahren. Aber aus geschäftlichen Gründen muss ich die Ferien in den Frühling verlegen, zu früh für die Pässe. Aber es gibt ja viele schöne Alternativen in der Schweiz, wie die Herzroute …
… Zu dieser Route habe ich seit 2013 eine spezielle Verbindung, denn damals hat mir das tolle Herzrouten-Team zwei Taschen zur Verfügung gestellt, die mich nun schon seit guten 35 000 Kilometern begleiten.
Die Herzroute mit der Nummer 99 ist eine für E-Bikes konzipierte Schweizer Veloroute, die mit vielen Schlaufen in 720 km vom Genfersee zum Bodensee führt. Sie kann gemütlich in 13 Etappen gefahren werden. Selbstverständlich war ich mit meinem normalen, beladenen Tourenrad unterwegs, die Etappen habe ich mir anders eingeteilt, zudem bin ich noch diverse Zusatzschlaufen und Runden gefahren. Die Herzroute zeigt eine andere, überraschende, sehr intime und ländliche Schweiz. Sie führt über keine hohen Pässe, dafür über geschätzte Tausend Hügel. Das stete Rauf und Runter verlangt etwas Kondition, vor allem mit einem gut bepackten Fahrrad.
Meine Herzroute starte ich in Lausanne genau an dem Ort, an dem ich meine eher nasse Juratour vom 2020 beendet hatte: auf dem Camping Vidy.
Nach einigen Kilometern auf der Küstenstrasse entlang des Genfersees bis nach Lutry steigt die Route langsam durch das schöne Weinbaugebiet des Lavaux an. Leider ist von den Reben noch nicht viel zu sehen, es ist noch zu früh im Jahr. Aber der Blick über den Genfer See und die Hochalpen ist atemberaubend, sogar der Mont Blanc ist zu sehen.

Ich steige weiter, bald fahre ich durch einen dichten Wald, gewisse Strassenabschnitte sind ziemlich steil. Da raschelt es links neben mir im Unterholz. Ein Vogel ist es nicht, dafür ist das Rascheln zu langsam, auch grössere Tiere hören sich anders an. Ich fahre weiter, dann höre ich es rechts hinter mir wieder rascheln. Ich schaue zurück und erwarte ein Reh oder allenfalls ein Wildschwein zu sehen. Aber tatsächlich steht da ein splitternackter Mann am Waldrand. Ich bin etwas irritiert, fahre einfach weiter. Nun, so schnell ich kann, zumal ich am Rauffahren bin. Ich drehe mich auch nicht mehr um. Ein paar Kilometer weiter fahre ich an ein paar total zerfallenen alten Ställen vorbei. Irgendwie ist das Ganze ziemlich creepy hier. Genau in dieser Gegend würde ich wohl mein Nachtlager nicht im Wald aufschlagen.

Irgendwann verlasse ich den Wald und es folgen ein paar schöne Kleinstädte wie Rue oder Romont mit ihren schönen Schlössern. Obwohl die Sonne scheint, ist es ziemlich kühl, die Jacke habe ich bis jetzt nur ein paar Mal ausgezogen. Die Bise, die gegen Nachmittag immer stärker wird, bläst mir in Form eines eiskalten Gegenwindes entgegen. Das macht das Fortkommen etwas langsamer und anstrengender.
Bei Grandisvaz verlasse ich die Herzroute und fahre auf einer furchtbar verkehrsreichen Strasse nach Payerne. Dort hat es einen ziemlich unbewohnt wirkenden Camping, der gemäss Website aber offen sein soll. Nach einigen Telefonaten in meinem wunderbaren Französisch erscheint der Betreiber. Bald stellt sich heraus, dass wir einfacher in Spanisch kommunizieren, Francisco stammt aus Cordoba. Wir unterhalten uns eine ganze Weile, ich bekommen gratis Strom und falls ich kein Essen dabei hätte, würde mir Francisco auch dieses umsonst geben. Aber wer mich kennt weiss, dass ich nie zu wenig Essen dabei habe.
Bald fahre ich wieder auf der Herzroute, am frühen Morgen rennt ein Fuchs gleich vor meinem Rad über den kleinen Feldweg. Viel besser als ein nackter Mann! Etwas später sehe ich ein kleines Wiesel am Wegrand. Es schaut mich eine Weile an, dann verschwindet es im höheren Gras. Ich erreiche Avenches, einst römische Stadt und Hauptstadt Helvetiens, mit einer schönen Altstadt und einem Amphitheater. Einige Kilometer ausserhalb treffe ich auf das Osttor des damaligen Aventicum, nördlich davon liegt der Turm «Tornallaz». Ich halte mich lange in den alten Mauern auf, es ist sehr schön und ruhig hier.
Kurze Zeit später fahre ich durch das am Murtensee liegende Murten. Mit Laupen folgt die vierte mittelalterliche Stadt. Beim folgenden Aufstieg fahre ich am eindrücklichen Schloss vorbei, um bald im Grün eines dichten Waldes zu verschwinden.

Nach Thörishaus folgt ein kurzes Stück auf der Hauptstrasse, dann biege ich auf einen unscheinbaren Schotterweg ab. Ein Kurve… und zack, ich befinde mich scheinbar in einer anderen Welt. Das ist der Scherligraben, ein überraschendes Stück Weg, das mich total fasziniert. Entlang des Scherlibaches folge ich weiter einem ruhigen Schotterweg nach Niederscherli. Jetzt steigt die Strasse auf den Längenberg, eine sehr hügelige Angelegenheit am Ausläufer des Gantrisch-Massivs.

In einem kleinen Weiler treffe ich auf erste Gastfreundschaft, ich darf auf dem Spielplatz eines Hofes übernachten. Das Haus wird gerade umgebaut. Drei Jahre war es leer, wie mir der Besitzer erzählt. Er und seine Frau haben hier 40 Jahre lang einen Gasthof geführt, aber alle, die danach kamen, konnten das Geschäft nicht am Laufen halten. Darum entstehen hier jetzt sechs Wohnungen mit wunderbarem Blick auf die Alpen. Ich darf das Bad im Hause nutzen und der Hausherr zeigt mir, wo ich mir am Morgen einen frischen Kaffee holen darf. Die Kaffeemaschine des Gasthofes steht nämlich immer noch da.

Ich geniesse die letzten Sonnenstrahlen und koche etwas. Langsam und mit viel Farbe geht die Sonne in Richtung Jura unter, danach wird es schnell sehr kalt. Da gibt es nur eins. Ab in den warmen Schlafsack. Ich bin froh, dass ich diesen mitgenommen habe, denn die Nächte sind noch ziemlich kalt. Teilweise gefriert es sogar noch.
Am Morgen wache ich so jeweils in einem ziemlich nassen Schlafsack und Zelt auf, intensiver Kondensation sei Dank. Das ist das einzig Negative an diesen kühlen Temperaturen, zum Fahren sind sie nämlich sehr angenehm.
Nach einem guten Morgenkaffee folgt ein wunderschöner Abschnitt mit herrlichem Blick auf die Berner Alpen. Mit solch einer Aussicht ist Radfahren am frühen Morgen einfach wunderbar. Bei der Abfahrt tut sich der Blick auf das prägnante Stockhorn auf. Die Gegend rund um das Dorf Amsoldingen stammt aus einer Vergletscherungsphase, die zwei Moränenseen hinterliess. Bald kommt der Thunersee ins Blickfeld und schon befinde ich mich mitten drin in dieser schönen Stadt. Es ist Mittagszeit und die Restaurantterrassen dürfen seit dieser Woche wieder offen sein. Es wuselt nur so von Leuten, mir sind das gerade zu viele. Ich schaue zu, dass ich die Stadt so schnell wie möglich wieder verlasse.

In Steffisdorf mache ich Mittagspasue. Ich trockne gerade Zelt und Schlafsack vor dem Gemeindehaus, da öffnet sich ein Fenster. Ob ich was brauche, Wasser, Steckdose oder sonstiges? Ich bin wunschlos glücklich und nach der kurzen Rast nehme ich die längere Steigung nach Heiligenschwendi in Angriff. Der Himmel wird immer düsterer. Der Thunersee liegt jetzt weit unten, umrahmt von Bergen und grauen Wolken. Es donnert irgendwo in der Nähe, ein heftiger, eiskalter Wind bläst mir entgegen. Ich komme kaum noch vom Fleck, zumal ich genau in das Gewitter reinfahre. Ich kämpfe noch etwas gegen den Wind an, dann sehe ich rechts einen riesigen Stall, das Tor ist offen und es hat so viel Platz da drinnen… Ich laufe zum daneben stehenden Haus und treffe auf eine junge Mutter mit einem Baby im Arm und drei herumrennende Kinder. Ich frage, ob ich in dem Stall übernachten darf. «Das geht sicher, aber wir warten besser noch auf meinen Mann, der sollte in 20 Minuten hier sein.» Ich warte draussen, langsam beginne ich richtig zu zittern, es ist wirklich kalt. Die Kinder erzählen mir in ihrem sehr starken Berner Dialekt – den ich tatsächlich nicht immer ganz verstehe – von den Geissen und den Zicklein und bald weiss ich, wie diese alle heissen und vieles mehr. Der junge Vater lässt auf sich warten, darum heisst es dann: «Komm einfach mit in den Stall!» Die Kinder treiben die Kühe in den Stall, dann zeigen sie mir die Ziegen und bald halte ich ein Zicklein in den Armen. Irgendwie fühlt sich das einfach gut an, dieses Unkomplizierte erinnert mich so sehr an die Zeit in Lateinamerika. Der Vater taucht auch noch auf und klar kann ich im Stall schlafen. Dort stelle ich mein Zeit auf und ich bin froh, dass ich nicht mehr in dem eiskalten Wind stehen muss. Bald beginnt es zu regnen. Von mir aus könnte es jetzt die ganze Nacht über regnen. Das tut es natürlich nicht, jetzt wo ich so einen genialen Schlafplatz habe. Dafür weiss ich jetzt, dass Kühe nachts nicht wirklich schlafen, die scharren und stampfen ziemlich laut herum.
Um 5.15 Uhr ertönt die Ländlermusik für die Kühe und die Arbeit im Stall beginnt. Auch ich bin an diesem Tag früh unterwegs. Der Morgen ist eiskalt, aber die Aussicht über den Thunersee ist gewaltig, sogar Eiger, Mönch und Jungfrau sind sichtbar.

Die Route entschwindet in die schönen Wälder des Eriz, um bald in den sanften Hügeln des oberen Emmentals aufzutauchen. Das ist urige Schweiz aus dem Bilderbuch und lädt zum Verweilen ein. Am besten bei einem der vielen Hofläden, die wirklich sehr leckere Sachen im Angebot haben. Ich gönne mir selbstgemachte Spitzbuben und Bretzeln.

Es ist wieder Zeit für eine Stadt, diesmal ist es Burgdorf. Hier befindet sich das Hauptquartier der Herzroute und selbstverständlich statte ich diesem einen Besuch ab. Dort treffe ich auf Nicole vom Herzroute-Team und wir unterhalten uns eine ganze Weile.

Nach Burgdorf verlasse ich die Herzroute und biege ein auf die Napfschlaufe mit der Nummer 399. Diese war eigentlich nicht geplant, aber ein «Termin» hat meine Planung etwas über den Haufen geworfen. Zum Geburtstag hatte ich von meiner Mutter einen Gutschein für eine Nacht in einem Tiny House in Huttwil bekommen, aber die Verfügbarkeit der Häuschen war wie vermutet an Wochenenden etwas schwierig. So drehe ich eben noch eine Runde um den Napf. Doch nach vier eher intensiven und langen Tagen auf dem Sattel lasse ich diesen etwas ruhiger ausklingen und fahre der Emme entlang nach Langnau.
Dort steige ich ein in die Hügel des Napfs. Ein wirklicher Berg ist der Napf nicht, aber irgendwie ein riesiger Hügel mit Furchen und Kreten, in denen man sich leicht verlieren kann. Und er verlangt einiges an Kondition, die Strassen sind teilweise ziemlich steil. Nach Trubschachen steigt die Strasse wieder stetig an. Einmal mehr fahre ich an vielen Höfen vorbei. Bis jetzt habe ich erstaunlicherweise fast keine Hunde angetroffen, aber jetzt stürzt einer auf mich zu und schnappt viel zu nahe an meinem Bein in die Luft. Die Tür der Hofes wird aufgerissen, der Hund gerufen. Doch Moritz will nicht hören und verfolgt mich weiter schnappend. Ich weiss, diese Köter verteidigen ihren Hof und die Strasse liegt einfach direkt an diesem … aber nachdem ich in Lateinamerika zweimal gebissen wurde, habe ich nicht viel für diese schnappenden Köter übrig. Kurze Zeit später sehe ich weiter unten am Hang eine grosse Familie am Tisch sitzen, da schiesst der nächste Hund auf mich zu. Das scheint da unten niemanden zu interessieren, aber so aggressiv wie der ist bin auch ich langsam etwas gereizt.
Das bessert sich wieder bei der wundervollen Aussicht vom Turner, der Grenzkrete zwischen dem bernischen Emmental und dem luzernischen Entlebuch, in Richtung Alpen und Schrattenfluh. Der Kantonswechsel macht sich bemerkbar, auf einmal stehen überall Kirchen und Dutzende Schilder weisen vor den Bauernhöfen und Häusern auf die Geburten von Kindern und runde Geburtstage hin. In Romoos gönne ich mir ein Hotel. Das Hotel Kreuz ist ein uriges Haus mit knarrenden Dielen, karierter Bettwäsche und eine sehr guten Küche. Auf der Terrasse gibt es Schnitzel und Pommes. Ich habe keine Ahnung, wann ich das letzte Mal in einem Restaurant war. Darum, weil ich einfach extrem hungrig bin oder weil das Essen wirklich gut ist… so lecker habe ich schon lange nicht mehr gegessen.

Mit mir nächtigen fünf andere Radfahrer im Hotel, alle mit E-Bikes unterwegs. Auf ein älteres Paar treffe ich am nächsten Morgen wieder, als ich gerade auf einer sehr steilen Passage schieben muss. Frisch und locker düsen sie an mir vorbei, um sich die Bank wegzuschnappen, auf der ich kurz ausruhen wollte. Der Schnellere ist eben der Geschwindere. Aber die Frau hat sehr offensichtlich grosse Mühe, ihr Fahrrad irgendwie abzustellen und fällt fast noch hin. Das ist wohl die Krux der E-Bikes. Ich finde es schön, dass vor allem ältere Leute auch wieder Radfahren können, aber die Kontrolle über das Rad sollte fahrend und stehend noch vorhanden sein. Es ist Wochenende, auch sonst sind viele Radfahrer unterwegs. Ein ganzes Schwadron von jungen Rennradfahrern fährt mich im Pulk fast über den Haufen, obwohl die Strasse breit genug zum Ausweichen wäre. Aber wenn man im Schwarm in gleichem Lycra fährt, muss man wohl keine Rücksicht auf andere Radfahrer nehmen.
Sonst eignet sich die Napfschlaufe gut für einen Konditions-Tests, in 150 Kilometern sind nämlich 4200 Höhenmeter zu bewältigen. Das entspricht einer guten Passfahrt.
Wenn wir schon bei Thema sind. Viele Strassen, Landstrassen und Wege der Herzroute sind Privatstrassen. Es versteht sich von selbst, dass man Rücksicht auf die ansässigen Fahrzeuge, vor allem Landwirtschaftsfahrzeuge nimmt. Schon oft bin ich ausgewichen oder habe mich irgendwie in eine Böschung gequetscht, wenn ein Traktor im Anbrausen war. Aber ein kurzes Dankeschön wäre trotzdem auch angebracht – Privatstrasse hin oder her – so murrig wie die Fahrer oft dreinblicken und den Fuss keine Sekunde vom Gas nehmen. Oder ist es einfach zu schwierig kurz die Hand zu heben, weil diese in den meisten Fällen ein Telefon hält? Das müsste beim Lenken eines tonnenschweren Traktors definitiv auch nicht sein, würde ich sagen.
Auf der kleinen Strasse entlang des Änziwigger hat es erstaunlicherweise eine Unmenge von Verkehr. Nach einer Kurve sehe ich den Grund dafür, einen total überfüllten Parkplatz. Von hier aus startet die bequemste Besteigung des Napfs, welche heute wohl Hunderte unter die Füsse nehmen. Ich bin froh, dass ich nach einer Kurve dem Trubel wieder entfliehen kann. Auf der Krete verlasse ich die Napfschlaufe, stürze mich steil ins Luthertal, um auf der anderen Seite wieder hochzusteigen.
Auf der Sunnsite treffe ich auf Kurt, auch er vom Herzroute-Team, der sich hier ein kleines Paradies aufgebaut hat. Überall geniesst man eine wunderbare Aussicht auf den Napf und den Pilatus. In einer grossen Ferienwohnung hat es Platz für bis zu 16 Personen und in der grossen Jurte können auch Geschäftsmeetings abgehalten werden. Zwei Wohnfässer laden zum Verweilen ein, zudem hat es Platz für vier Camper. Highlight ist ein Hot Pot, doch dieser ist so heiss begehrt, dass ich das warme Wasser nie zu spüren bekomme. Falls sich jemand für eine Übernachtung auf der Sunnsite interessiert, sie ist auf Nomady zu finden.

Ich habe mich für das kleine Holzfass entschieden und ich bin froh, dass dieses Hotel Barrique etwas abseits liegt, denn der Hot Pot wird bald zum Party-Bereich einer Gruppe von sieben Jungs. Ich geniesse derweil den Blick auf die Berge und sehe zu, wie der Mond langsam aufgeht. Ein wirklich absolut genialer Ort und die Nacht in dem kleinen Fass wird mir noch lange in schönster Erinnerung bleiben.
Am nächsten Morgen geht’s wieder runter ins Luthertal und nach Luthern Bad, einen kleinen Wallfahrtsort. Doch ich treffe nicht auf Pilger, sondern auf ein Auerhuhn, das da mitten auf der Strasse liegt. Ein Einheimischer steht in der Nähe, bald erzählt er mir stolz die ganze Geschichte des Ortes. Und des Huhns. Dieses wurde vor ein paar Tagen auf einen 10 Kilometer entfernten Hügel gebracht, doch es hat wohl entschieden, sich hier einen Partner zu suchen. Wer weiss, vielleicht ist es auch auf Pilgerreise.
Danach steige ich wieder steil empor zurück auf die Krete der Route 399. Weiteres Auf und Ab bringt mich nach Willisau und über Eriswil und Wyssachen erreiche ich Huttwil. Wie schon gesagt, der Grund meines absolut lohnenswerten Umweges um den Napf. Hier betrete ich gespannt mein Tiny House, das Fiechtehüsli namens Clara. Und bald erhalte ich Besuch von meiner Mama. Zusammen verbringen wir eine gemütliche Zeit in Huttwil, wo ich meinen ersten Ruhetag einlege. Nebst Besuch ist Kleider waschen angesagt, zudem muss ich meine Taschen flicken, denn ich habe auf der Rückseite zwei Löcher entdeckt. Das erklärt das viele Wasser, das bei Regen immer reinkommt.

Die Tiny Houses faszinieren mich schon lange. Diese winzigen Häuser sind platzbedingt wirklich Meisterleistungen mit so vielen innovativen Details. Die vier Fiechtehüsli liegen in einem ruhigen Quartier von Huttwil und alle vier sind mit sehr viel Herz und Liebe fürs Detail eigerichtet. In unserer Clara ist fast alles rot, bei den anderen dreien sind es andere Farben. In der kleinen, voll ausgestatteten Küche kann man wunderbar für zwei Personen kochen und eine Nespressomaschine sorgt für einen ausgeglichenen Koffeinpegel. Auf der kleinen Terrasse lässt es sich wunderbar entspannen, und wenn es zu kühl wird hat es drinnen ein gemütliches Sofa. Einkaufsgelegenheiten gibt es in der Nähe, wichtig für einen hungrigen Radfahrer!

Ein Wetterwechsel hat sich angekündigt und bald nach Huttwil fallen die ersten Tropfen. Doch es bleibt bei diesen und bald drückt die Sonne wieder durch. Über den Ruswilerberg geht es nach Sempach am entsprechenden See. Ich passiere Eschenbach mit seinem Kloster und nach dem Überqueren der Reuss bringt mich eine sehr steiler Ansteig zu Franzsepps Besenbeiz. Ein neuer Berg mischt sich in die Aussicht, es ist die Rigi. Und immer wieder gibt es die kleinen Dinge am Wegrand zu entdecken, ein bunter Hahn interessiert sich für mein Velo und ein paar herumspringende kleine, graue Etwasse auf der Strasse entpuppen sich als winzige Mäusekinder. In Zug gibt es ein weiteres Familientreffen, mein Bruder arbeitet hier.

Nach einer Nacht im Trockenen à la Veloreise mache ich mich bei Regen auf den Weiterweg. Die Herzroute steig wieder auf einen aussichtsreichen Hügel, doch bei dem Wetter ohne Aussicht verzichte ich darauf. Ich ändere die Route und folge der nationalen Veloroute 9, die mich über Baar und die Höllgrotten in das Lorzentobel führt. Die Lorze ist der Hauptfluss des Kantons Zug, der vom Ägerisee durch das tief eigeschnittene Lorzentobel in den Zugersee fliesst. Die Fahrt durch dieses Tobel ist auch bei Regen ganz wunderbar. Ein Feuersalamander kreuzt meinen Weg und hoch über mir überspannt die Lorzentobelbrücke die Schlucht.

Im Gegensatz zur Herzroute gibt es auf den anderen Routen immer wieder längere Abschnitte auf Hauptstrassen, so auch auf der Route 9. Ich erreiche den Ägerisee und bald das Schlachtendenkmal in Morgarten. Die Schlacht von Morgarten von 1315, die zwischen einem habsburgischen Heer unter Herzog Leopold von Österreich und den Schwyzern mit ihren Verbündeten ausgefochten wurde, ging als «erste Freiheitsschlacht» der Eidgenossen in die Geschichte ein.

Eine lange Steigung führt nach Rothenthurm und bald treffe ich wieder auf die Herzroute. Diese bringt mich über den Katzenstrick, von wo aus sich bei schönem Wetter ein toller Blick auf Einsiedeln auftut, nach Einsiedeln. Es ist noch früh, aber mittlerweile regnet es in Strömen und es ist ziemlich kalt. So nehme ich mir hier ein Zimmer und stelle mich bald unter eine wohltuende, heisse Dusche. Imposanter Mittelpunkt Einsiedelns ist die barocke Klosteranlage aus dem 18. Jahrhundert. Das Kloster ist seit dem Mittelalter einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte Europas.

Entlang des Sihlsees verlasse ich Einsiedeln bei schöner Nebelstimmung, um bald darauf den sausteilen Etzelpass zu erklimmen. Bei der Abfahrt kommt der Zürichsee ins Blickfeld und bald darauf befinde ich mich an dessen Ufern in Lachen. Über den mir unbekannten Buechberg erreiche ich die andere Seite des Sees, wo die Route dem Zürichsee entlang nach Rapperswil führt.

Die Route steuert nun auf den Bachtel zu und gewinnt wieder an Höhe. Der Himmel verdunkelt sich immer mehr und bald fallen wieder ein paar Tropfen. So lasse ich den Tag wieder früher schon auf dem Hasenstrick im gleichnamigen Landgasthof ausklingen. Ein Zimmer mit Seeblick gibt es ohne Aufpreis, obwohl vom See bei diesem Wetter sowieso nicht viel sichtbar ist.
In dichtestem Nebel geht es am nächsten Tag weiter nach Gibswil. Hier biege ich auf ein kleines Weglein ein, dass mich zur verborgenen Wissengubel Höhle bringt. Ein 20 Meter hoher Wasserfall giesst sich über den Fels an diesem schönen Rastplatz. Ich bin ganz alleine hier und geniesse diesen Ort eine lange Weile.
Weiter geht es über unzählige Hügel, die ich nur noch erahnen kann. Der Nebel ist so dicht, dass ich keine 10 Meter weit sehe. Das Fahren ist extrem anstrengend und fordert volle Konzentration. Auch runter geht’s nur sehr langsam, ich habe keine Ahnung, wie die engen Strassen verlaufen. Zudem muss ich bei den vielen Abzweigungen aufpassen, die Schilder der Herzroute nicht zu verpassen. In Wattwil biegt die Herzroute wieder in die Hügel ein, doch bei einer Sicht von Null muss ich mir die Perlen des Toggenburgs nicht anschauen und auch die Churfirsten fallen wohl dem Nebel zum Opfer.

Ich folge der Thur-Route der Thur entlang nach Lütisburg, dort geht es hoch nach Tufertschwil. Da für den nächsten Tag viel Regen vorausgesagt ist, lege ich im Landgasthof Rössli einen weiteren Ruhetag ein.
Der Besitzer empfängt mich, alles wirkt sehr sympathisch. Bis die drei Kinder einer Familie über mir beginnen, non-stop herumzutrampeln und zu schreien. Beim frühen Abendessen wir gleich hinter mir vom Personal ständig die Tür aufgelassen, zweimal stehe ich während des Essens auf, um sie zu schliessen, weil es so unangenehm und kalt reinzieht. Abends geht das Getrampel bis um 9 Uhr weiter, um am frühen Morgen um 7.15 wieder zu beginnen. Sonst ist es ganz nett hier, während einer trockenen Phase schaue ich mir den originellen Windrädli-Weg an.
Am nächsten Morgen will ich um 6.45 Uhr zum Frühstück, dass es ab 6.30 Uhr gibt. Der Chef sitzt an der Reception und fragt, ob ich zum Frühstück wolle, er hätte nämlich noch nichts vorbereitet und ich müsse eine halbe Stunde warten. Na ja, am Schluss verrechnet er mir noch einen zu teuren Tarif, welchen ich mit meinem nun doch etwas angestauten Unmut zurückweise.
Immerhin scheint wieder die Sonne und taucht die saftig grünen Wiesen mit den Tautropfen in ein wunderbares Glänzen. Durch einen dampfenden Wald geht es weiter und bald erreiche ich Herisau. Dort beginnt es schon wieder zu tropfen, aber zum Glück nicht lange. Ich halte vor einer Beiz, da laufen drei Arbeiter an mir vorbei:«Luag, z’Frölein hett kei Batterie. Sie muess sälber trampe.» Ich muss schmunzeln und bejahe das. Etwa 80% der Radfahrer, die mir bis jetzt begegnet sind, sind mit E-Bike unterwegs. Schon krass, wie sich das gewandelt hat in den letzten Jahren. Bei all diesen steilen Rampen wäre wohl manchmal ein bisschen Extrapower ganz schön gewesen, aber ich werde trotzdem bei meinem Stahlesel ohne Batterie bleiben. Obwohl ich einmal einem Vater zugehört habe, der seinem Sohn vor meinem Fahrrad erklärte:«Schau, das ist ein E-Bike und das hier (die Rahmentasche) ist die Batterie.» Nun, ganz falsch ist das ja nicht, zumal sich da meine Snacks befinden.
Die Herzroute steift die Stadt St. Gallen und überquert die tief unten in der Schlucht liegende Sitter über zwei spektakulär hohe Brücken. Dann eröffnet sich das Appenzell, mit seinen Höfen, Kühen und natürlich dem Blick auf den Alpstein. Mitten drin der markante Säntis.

Ich durchquere Stein, Heimat des Appenzeller Käses, und bald erreiche ich Appenzell selbst. Ein Ort, der mich irgendwie einfach sehr positiv überrascht, mit seinem Charme und all den farbigen Häusern. Weiter geht es mit sich stetig wandelnden Aussichten auf Säntis und Hohen Kasten, ich komme sehr langsam voran, weil ich ständig am Fotografieren bin. Es ist wirklich schön hier und ich bin froh, dass ich von dieser Etappe auch etwas sehe.
Nach all den Aussichten verschwindet die Route in einem Wald und nach einer längeren Abfahrt befinde ich mich im Rheintal. Jetzt könne ich einfach rechts abbiegen und ich wäre morgen zu Hause. Ich biege links ab, über einen Herzrouten-Extrahügel gelange ich nach Altstätten.

Selbstverständlich fahre ich die Herzroute zu Ende, jetzt wo so wenig fehlt. Nach Altstätten steigt die Strasse wieder an. 700 Meter geht es hoch, für diese Route eine längere, aber sehr angenehme Steigung. So könnte ich ewig hochfahren. Auf dem Aussichtspunkt St. Anton hat man einen wunderbaren Blick ins Vorarlbergische, ins Bayerische, ins Württembergische, ins Fürstentum und ins Rheintal. Sogar der Churer Hausberg Calanda ist zu sehen. Auf der anderen Seite erblicke ich das erste Mal den Bodensee.

Über Heiden und Walzenhausen verliert die Route an Höhe, um dann von Rheineck nochmals auf den Rorschacherberg anzusteigen. Dann aber folgt wirklich die Zielabfahrt nach Rorschach. Hier am Bodensee endet die Herzroute, die am anderen Ende der Schweiz am Genfersee begonnen hatte. Das Projekt Herzroute ist hiermit erfolgreich abgeschlossen.

Nun, jetzt könnte ich gemütlich in den Zug nach Chur steigen, doch das tue ich natürlich nicht. Jetzt biege ich nach rechts ab. Hätte ich mehr Zeit, würde ich eine andere Route fahren, aber da ich meine Ferien sowieso schon überziehe, geht es dem Rhein entlang direkt nach Hause. Der angesagte, sturmhafte Südwestwind hat mir mit seinen böigen Einlagen bei der Abfahrt schon den einen oder anderen Hieb verpasst, jetzt treibt er mich entlang des Bodensees schön voran. Das ändert sich natürlich, als der Weg bei St. Margrethen einen 90 Grad Knick macht. Südwind bedeutet im Rheintal vom Bodensee her kommend Gegenwind. Ich folge der Rhein-Route Nummer 2 und das Fahren zwischen Rhein und Autobahn wird bald eintönig und eher langweilig. Der immer stärker werdende Gegenwind macht das Fortkommen immer langsamer. In Buchs gebe ich auf und lenke mein Fahrrad auf den dortigen Campingplatz in der Nähe des Werdenberger Sees.

Der für die Nacht vorhergesagte Regen fällt erst am frühen Morgen kurz nach 6 Uhr, doch es sind nur ein paar Tropfen. Ich stehe auf, koche mir meinen Kaffee. Dabei sehe ich, wie der Himmel in Richtung Alpstein immer dunkler wird, es donnert irgendwo. Ich lasse meinen Kaffee stehen und packe schnell alles zusammen. Mein Rad steht gerade unter einem kleinen Dach, als es zu schütten beginnt. Ich frühstücke gemütlich zu Ende und warte eine Weile. Gemäss Radar sollte der Regen vorbeiziehen. Er lässt auch nach und ganz kurz scheint die Sonne. Optimistisch mache ich mich auf den Weg, doch noch in Buchs muss ich die ganze Regenausrüstung montieren. In strömendem Regen fahre ich weiter stundenlang dem Rhein entlang, heute immerhin ohne starken Wind. Soviel zum Thema Radar. Gegen Mittag erreiche ich gut durchnässt Chur, wo diese Tour ihr Ende findet.

Die Herzroute selbst ist wirklich eine tolle Route. Ihre Macher haben mit viel Herz und Leidenschaft ein wunderbares Wegnetz durch eine unbekannte, ländliche und überraschende Schweiz gefunden. Die perfekt ausgeschilderte Route 99 meidet viel mehr als alle anderen Velorouten die Hauptstrassen und man fährt meistens abseits verkehrsarm oder sogar verkehrsfrei auf Landstrassen und Waldwegen. Die Herzroute führt an unzähligen Bauernhöfen vorbei, wobei es sehr interessant ist, wie sich der Baustil der Häuser ändert. Ich kann die Herzroute sehr empfehlen, am besten sehr früh oder spät im Jahr, wenn der Veloverkehr etwas geringer ist.
Eigentlich wollte ich dieses Jahr wieder einmal über ein paar Pässe fahren. Aber aus geschäftlichen Gründen muss ich die Ferien in den Frühling verlegen, zu früh für die Pässe. Aber es gibt ja viele schöne Alternativen in der Schweiz, wie die Herzroute …
… Zu dieser Route habe ich seit 2013 eine spezielle Verbindung, denn damals hat mir das tolle Herzrouten-Team zwei Taschen zur Verfügung gestellt, die mich nun schon seit guten 35 000 Kilometern begleiten.
Die Herzroute mit der Nummer 99 ist eine für E-Bikes konzipierte Schweizer Veloroute, die mit vielen Schlaufen in 720 km vom Genfersee zum Bodensee führt. Sie kann gemütlich in 13 Etappen gefahren werden. Selbstverständlich war ich mit meinem normalen, beladenen Tourenrad unterwegs, die Etappen habe ich mir anders eingeteilt, zudem bin ich noch diverse Zusatzschlaufen und Runden gefahren. Die Herzroute zeigt eine andere, überraschende, sehr intime und ländliche Schweiz. Sie führt über keine hohen Pässe, dafür über geschätzte Tausend Hügel. Das stete Rauf und Runter verlangt etwas Kondition, vor allem mit einem gut bepackten Fahrrad.
Meine Herzroute starte ich in Lausanne genau an dem Ort, an dem ich meine eher nasse Juratour vom 2020 beendet hatte: auf dem Camping Vidy.
Nach einigen Kilometern auf der Küstenstrasse entlang des Genfersees bis nach Lutry steigt die Route langsam durch das schöne Weinbaugebiet des Lavaux an. Leider ist von den Reben noch nicht viel zu sehen, es ist noch zu früh im Jahr. Aber der Blick über den Genfer See und die Hochalpen ist atemberaubend, sogar der Mont Blanc ist zu sehen.

Ich steige weiter, bald fahre ich durch einen dichten Wald, gewisse Strassenabschnitte sind ziemlich steil. Da raschelt es links neben mir im Unterholz. Ein Vogel ist es nicht, dafür ist das Rascheln zu langsam, auch grössere Tiere hören sich anders an. Ich fahre weiter, dann höre ich es rechts hinter mir wieder rascheln. Ich schaue zurück und erwarte ein Reh oder allenfalls ein Wildschwein zu sehen. Aber tatsächlich steht da ein splitternackter Mann am Waldrand. Ich bin etwas irritiert, fahre einfach weiter. Nun, so schnell ich kann, zumal ich am Rauffahren bin. Ich drehe mich auch nicht mehr um. Ein paar Kilometer weiter fahre ich an ein paar total zerfallenen alten Ställen vorbei. Irgendwie ist das Ganze ziemlich creepy hier. Genau in dieser Gegend würde ich wohl mein Nachtlager nicht im Wald aufschlagen.

Irgendwann verlasse ich den Wald und es folgen ein paar schöne Kleinstädte wie Rue oder Romont mit ihren schönen Schlössern. Obwohl die Sonne scheint, ist es ziemlich kühl, die Jacke habe ich bis jetzt nur ein paar Mal ausgezogen. Die Bise, die gegen Nachmittag immer stärker wird, bläst mir in Form eines eiskalten Gegenwindes entgegen. Das macht das Fortkommen etwas langsamer und anstrengender.
Bei Grandisvaz verlasse ich die Herzroute und fahre auf einer furchtbar verkehrsreichen Strasse nach Payerne. Dort hat es einen ziemlich unbewohnt wirkenden Camping, der gemäss Website aber offen sein soll. Nach einigen Telefonaten in meinem wunderbaren Französisch erscheint der Betreiber. Bald stellt sich heraus, dass wir einfacher in Spanisch kommunizieren, Francisco stammt aus Cordoba. Wir unterhalten uns eine ganze Weile, ich bekommen gratis Strom und falls ich kein Essen dabei hätte, würde mir Francisco auch dieses umsonst geben. Aber wer mich kennt weiss, dass ich nie zu wenig Essen dabei habe.
Bald fahre ich wieder auf der Herzroute, am frühen Morgen rennt ein Fuchs gleich vor meinem Rad über den kleinen Feldweg. Viel besser als ein nackter Mann! Etwas später sehe ich ein kleines Wiesel am Wegrand. Es schaut mich eine Weile an, dann verschwindet es im höheren Gras. Ich erreiche Avenches, einst römische Stadt und Hauptstadt Helvetiens, mit einer schönen Altstadt und einem Amphitheater. Einige Kilometer ausserhalb treffe ich auf das Osttor des damaligen Aventicum, nördlich davon liegt der Turm «Tornallaz». Ich halte mich lange in den alten Mauern auf, es ist sehr schön und ruhig hier.
Kurze Zeit später fahre ich durch das am Murtensee liegende Murten. Mit Laupen folgt die vierte mittelalterliche Stadt. Beim folgenden Aufstieg fahre ich am eindrücklichen Schloss vorbei, um bald im Grün eines dichten Waldes zu verschwinden.

Nach Thörishaus folgt ein kurzes Stück auf der Hauptstrasse, dann biege ich auf einen unscheinbaren Schotterweg ab. Ein Kurve… und zack, ich befinde mich scheinbar in einer anderen Welt. Das ist der Scherligraben, ein überraschendes Stück Weg, das mich total fasziniert. Entlang des Scherlibaches folge ich weiter einem ruhigen Schotterweg nach Niederscherli. Jetzt steigt die Strasse auf den Längenberg, eine sehr hügelige Angelegenheit am Ausläufer des Gantrisch-Massivs.

In einem kleinen Weiler treffe ich auf erste Gastfreundschaft, ich darf auf dem Spielplatz eines Hofes übernachten. Das Haus wird gerade umgebaut. Drei Jahre war es leer, wie mir der Besitzer erzählt. Er und seine Frau haben hier 40 Jahre lang einen Gasthof geführt, aber alle, die danach kamen, konnten das Geschäft nicht am Laufen halten. Darum entstehen hier jetzt sechs Wohnungen mit wunderbarem Blick auf die Alpen. Ich darf das Bad im Hause nutzen und der Hausherr zeigt mir, wo ich mir am Morgen einen frischen Kaffee holen darf. Die Kaffeemaschine des Gasthofes steht nämlich immer noch da.

Ich geniesse die letzten Sonnenstrahlen und koche etwas. Langsam und mit viel Farbe geht die Sonne in Richtung Jura unter, danach wird es schnell sehr kalt. Da gibt es nur eins. Ab in den warmen Schlafsack. Ich bin froh, dass ich diesen mitgenommen habe, denn die Nächte sind noch ziemlich kalt. Teilweise gefriert es sogar noch.
Am Morgen wache ich so jeweils in einem ziemlich nassen Schlafsack und Zelt auf, intensiver Kondensation sei Dank. Das ist das einzig Negative an diesen kühlen Temperaturen, zum Fahren sind sie nämlich sehr angenehm.
Nach einem guten Morgenkaffee folgt ein wunderschöner Abschnitt mit herrlichem Blick auf die Berner Alpen. Mit solch einer Aussicht ist Radfahren am frühen Morgen einfach wunderbar. Bei der Abfahrt tut sich der Blick auf das prägnante Stockhorn auf. Die Gegend rund um das Dorf Amsoldingen stammt aus einer Vergletscherungsphase, die zwei Moränenseen hinterliess. Bald kommt der Thunersee ins Blickfeld und schon befinde ich mich mitten drin in dieser schönen Stadt. Es ist Mittagszeit und die Restaurantterrassen dürfen seit dieser Woche wieder offen sein. Es wuselt nur so von Leuten, mir sind das gerade zu viele. Ich schaue zu, dass ich die Stadt so schnell wie möglich wieder verlasse.

In Steffisdorf mache ich Mittagspasue. Ich trockne gerade Zelt und Schlafsack vor dem Gemeindehaus, da öffnet sich ein Fenster. Ob ich was brauche, Wasser, Steckdose oder sonstiges? Ich bin wunschlos glücklich und nach der kurzen Rast nehme ich die längere Steigung nach Heiligenschwendi in Angriff. Der Himmel wird immer düsterer. Der Thunersee liegt jetzt weit unten, umrahmt von Bergen und grauen Wolken. Es donnert irgendwo in der Nähe, ein heftiger, eiskalter Wind bläst mir entgegen. Ich komme kaum noch vom Fleck, zumal ich genau in das Gewitter reinfahre. Ich kämpfe noch etwas gegen den Wind an, dann sehe ich rechts einen riesigen Stall, das Tor ist offen und es hat so viel Platz da drinnen… Ich laufe zum daneben stehenden Haus und treffe auf eine junge Mutter mit einem Baby im Arm und drei herumrennende Kinder. Ich frage, ob ich in dem Stall übernachten darf. «Das geht sicher, aber wir warten besser noch auf meinen Mann, der sollte in 20 Minuten hier sein.» Ich warte draussen, langsam beginne ich richtig zu zittern, es ist wirklich kalt. Die Kinder erzählen mir in ihrem sehr starken Berner Dialekt – den ich tatsächlich nicht immer ganz verstehe – von den Geissen und den Zicklein und bald weiss ich, wie diese alle heissen und vieles mehr. Der junge Vater lässt auf sich warten, darum heisst es dann: «Komm einfach mit in den Stall!» Die Kinder treiben die Kühe in den Stall, dann zeigen sie mir die Ziegen und bald halte ich ein Zicklein in den Armen. Irgendwie fühlt sich das einfach gut an, dieses Unkomplizierte erinnert mich so sehr an die Zeit in Lateinamerika. Der Vater taucht auch noch auf und klar kann ich im Stall schlafen. Dort stelle ich mein Zeit auf und ich bin froh, dass ich nicht mehr in dem eiskalten Wind stehen muss. Bald beginnt es zu regnen. Von mir aus könnte es jetzt die ganze Nacht über regnen. Das tut es natürlich nicht, jetzt wo ich so einen genialen Schlafplatz habe. Dafür weiss ich jetzt, dass Kühe nachts nicht wirklich schlafen, die scharren und stampfen ziemlich laut herum.
Um 5.15 Uhr ertönt die Ländlermusik für die Kühe und die Arbeit im Stall beginnt. Auch ich bin an diesem Tag früh unterwegs. Der Morgen ist eiskalt, aber die Aussicht über den Thunersee ist gewaltig, sogar Eiger, Mönch und Jungfrau sind sichtbar.

Die Route entschwindet in die schönen Wälder des Eriz, um bald in den sanften Hügeln des oberen Emmentals aufzutauchen. Das ist urige Schweiz aus dem Bilderbuch und lädt zum Verweilen ein. Am besten bei einem der vielen Hofläden, die wirklich sehr leckere Sachen im Angebot haben. Ich gönne mir selbstgemachte Spitzbuben und Bretzeln.

Es ist wieder Zeit für eine Stadt, diesmal ist es Burgdorf. Hier befindet sich das Hauptquartier der Herzroute und selbstverständlich statte ich diesem einen Besuch ab. Dort treffe ich auf Nicole vom Herzroute-Team und wir unterhalten uns eine ganze Weile.

Nach Burgdorf verlasse ich die Herzroute und biege ein auf die Napfschlaufe mit der Nummer 399. Diese war eigentlich nicht geplant, aber ein «Termin» hat meine Planung etwas über den Haufen geworfen. Zum Geburtstag hatte ich von meiner Mutter einen Gutschein für eine Nacht in einem Tiny House in Huttwil bekommen, aber die Verfügbarkeit der Häuschen war wie vermutet an Wochenenden etwas schwierig. So drehe ich eben noch eine Runde um den Napf. Doch nach vier eher intensiven und langen Tagen auf dem Sattel lasse ich diesen etwas ruhiger ausklingen und fahre der Emme entlang nach Langnau.
Dort steige ich ein in die Hügel des Napfs. Ein wirklicher Berg ist der Napf nicht, aber irgendwie ein riesiger Hügel mit Furchen und Kreten, in denen man sich leicht verlieren kann. Und er verlangt einiges an Kondition, die Strassen sind teilweise ziemlich steil. Nach Trubschachen steigt die Strasse wieder stetig an. Einmal mehr fahre ich an vielen Höfen vorbei. Bis jetzt habe ich erstaunlicherweise fast keine Hunde angetroffen, aber jetzt stürzt einer auf mich zu und schnappt viel zu nahe an meinem Bein in die Luft. Die Tür der Hofes wird aufgerissen, der Hund gerufen. Doch Moritz will nicht hören und verfolgt mich weiter schnappend. Ich weiss, diese Köter verteidigen ihren Hof und die Strasse liegt einfach direkt an diesem … aber nachdem ich in Lateinamerika zweimal gebissen wurde, habe ich nicht viel für diese schnappenden Köter übrig. Kurze Zeit später sehe ich weiter unten am Hang eine grosse Familie am Tisch sitzen, da schiesst der nächste Hund auf mich zu. Das scheint da unten niemanden zu interessieren, aber so aggressiv wie der ist bin auch ich langsam etwas gereizt.
Das bessert sich wieder bei der wundervollen Aussicht vom Turner, der Grenzkrete zwischen dem bernischen Emmental und dem luzernischen Entlebuch, in Richtung Alpen und Schrattenfluh. Der Kantonswechsel macht sich bemerkbar, auf einmal stehen überall Kirchen und Dutzende Schilder weisen vor den Bauernhöfen und Häusern auf die Geburten von Kindern und runde Geburtstage hin. In Romoos gönne ich mir ein Hotel. Das Hotel Kreuz ist ein uriges Haus mit knarrenden Dielen, karierter Bettwäsche und eine sehr guten Küche. Auf der Terrasse gibt es Schnitzel und Pommes. Ich habe keine Ahnung, wann ich das letzte Mal in einem Restaurant war. Darum, weil ich einfach extrem hungrig bin oder weil das Essen wirklich gut ist… so lecker habe ich schon lange nicht mehr gegessen.

Mit mir nächtigen fünf andere Radfahrer im Hotel, alle mit E-Bikes unterwegs. Auf ein älteres Paar treffe ich am nächsten Morgen wieder, als ich gerade auf einer sehr steilen Passage schieben muss. Frisch und locker düsen sie an mir vorbei, um sich die Bank wegzuschnappen, auf der ich kurz ausruhen wollte. Der Schnellere ist eben der Geschwindere. Aber die Frau hat sehr offensichtlich grosse Mühe, ihr Fahrrad irgendwie abzustellen und fällt fast noch hin. Das ist wohl die Krux der E-Bikes. Ich finde es schön, dass vor allem ältere Leute auch wieder Radfahren können, aber die Kontrolle über das Rad sollte fahrend und stehend noch vorhanden sein. Es ist Wochenende, auch sonst sind viele Radfahrer unterwegs. Ein ganzes Schwadron von jungen Rennradfahrern fährt mich im Pulk fast über den Haufen, obwohl die Strasse breit genug zum Ausweichen wäre. Aber wenn man im Schwarm in gleichem Lycra fährt, muss man wohl keine Rücksicht auf andere Radfahrer nehmen.
Sonst eignet sich die Napfschlaufe gut für einen Konditions-Tests, in 150 Kilometern sind nämlich 4200 Höhenmeter zu bewältigen. Das entspricht einer guten Passfahrt.
Wenn wir schon bei Thema sind. Viele Strassen, Landstrassen und Wege der Herzroute sind Privatstrassen. Es versteht sich von selbst, dass man Rücksicht auf die ansässigen Fahrzeuge, vor allem Landwirtschaftsfahrzeuge nimmt. Schon oft bin ich ausgewichen oder habe mich irgendwie in eine Böschung gequetscht, wenn ein Traktor im Anbrausen war. Aber ein kurzes Dankeschön wäre trotzdem auch angebracht – Privatstrasse hin oder her – so murrig wie die Fahrer oft dreinblicken und den Fuss keine Sekunde vom Gas nehmen. Oder ist es einfach zu schwierig kurz die Hand zu heben, weil diese in den meisten Fällen ein Telefon hält? Das müsste beim Lenken eines tonnenschweren Traktors definitiv auch nicht sein, würde ich sagen.
Auf der kleinen Strasse entlang des Änziwigger hat es erstaunlicherweise eine Unmenge von Verkehr. Nach einer Kurve sehe ich den Grund dafür, einen total überfüllten Parkplatz. Von hier aus startet die bequemste Besteigung des Napfs, welche heute wohl Hunderte unter die Füsse nehmen. Ich bin froh, dass ich nach einer Kurve dem Trubel wieder entfliehen kann. Auf der Krete verlasse ich die Napfschlaufe, stürze mich steil ins Luthertal, um auf der anderen Seite wieder hochzusteigen.
Auf der Sunnsite treffe ich auf Kurt, auch er vom Herzroute-Team, der sich hier ein kleines Paradies aufgebaut hat. Überall geniesst man eine wunderbare Aussicht auf den Napf und den Pilatus. In einer grossen Ferienwohnung hat es Platz für bis zu 16 Personen und in der grossen Jurte können auch Geschäftsmeetings abgehalten werden. Zwei Wohnfässer laden zum Verweilen ein, zudem hat es Platz für vier Camper. Highlight ist ein Hot Pot, doch dieser ist so heiss begehrt, dass ich das warme Wasser nie zu spüren bekomme. Falls sich jemand für eine Übernachtung auf der Sunnsite interessiert, sie ist auf Nomady zu finden.

Ich habe mich für das kleine Holzfass entschieden und ich bin froh, dass dieses Hotel Barrique etwas abseits liegt, denn der Hot Pot wird bald zum Party-Bereich einer Gruppe von sieben Jungs. Ich geniesse derweil den Blick auf die Berge und sehe zu, wie der Mond langsam aufgeht. Ein wirklich absolut genialer Ort und die Nacht in dem kleinen Fass wird mir noch lange in schönster Erinnerung bleiben.
Am nächsten Morgen geht’s wieder runter ins Luthertal und nach Luthern Bad, einen kleinen Wallfahrtsort. Doch ich treffe nicht auf Pilger, sondern auf ein Auerhuhn, das da mitten auf der Strasse liegt. Ein Einheimischer steht in der Nähe, bald erzählt er mir stolz die ganze Geschichte des Ortes. Und des Huhns. Dieses wurde vor ein paar Tagen auf einen 10 Kilometer entfernten Hügel gebracht, doch es hat wohl entschieden, sich hier einen Partner zu suchen. Wer weiss, vielleicht ist es auch auf Pilgerreise.
Danach steige ich wieder steil empor zurück auf die Krete der Route 399. Weiteres Auf und Ab bringt mich nach Willisau und über Eriswil und Wyssachen erreiche ich Huttwil. Wie schon gesagt, der Grund meines absolut lohnenswerten Umweges um den Napf. Hier betrete ich gespannt mein Tiny House, das Fiechtehüsli namens Clara. Und bald erhalte ich Besuch von meiner Mama. Zusammen verbringen wir eine gemütliche Zeit in Huttwil, wo ich meinen ersten Ruhetag einlege. Nebst Besuch ist Kleider waschen angesagt, zudem muss ich meine Taschen flicken, denn ich habe auf der Rückseite zwei Löcher entdeckt. Das erklärt das viele Wasser, das bei Regen immer reinkommt.

Die Tiny Houses faszinieren mich schon lange. Diese winzigen Häuser sind platzbedingt wirklich Meisterleistungen mit so vielen innovativen Details. Die vier Fiechtehüsli liegen in einem ruhigen Quartier von Huttwil und alle vier sind mit sehr viel Herz und Liebe fürs Detail eigerichtet. In unserer Clara ist fast alles rot, bei den anderen dreien sind es andere Farben. In der kleinen, voll ausgestatteten Küche kann man wunderbar für zwei Personen kochen und eine Nespressomaschine sorgt für einen ausgeglichenen Koffeinpegel. Auf der kleinen Terrasse lässt es sich wunderbar entspannen, und wenn es zu kühl wird hat es drinnen ein gemütliches Sofa. Einkaufsgelegenheiten gibt es in der Nähe, wichtig für einen hungrigen Radfahrer!

Ein Wetterwechsel hat sich angekündigt und bald nach Huttwil fallen die ersten Tropfen. Doch es bleibt bei diesen und bald drückt die Sonne wieder durch. Über den Ruswilerberg geht es nach Sempach am entsprechenden See. Ich passiere Eschenbach mit seinem Kloster und nach dem Überqueren der Reuss bringt mich eine sehr steiler Ansteig zu Franzsepps Besenbeiz. Ein neuer Berg mischt sich in die Aussicht, es ist die Rigi. Und immer wieder gibt es die kleinen Dinge am Wegrand zu entdecken, ein bunter Hahn interessiert sich für mein Velo und ein paar herumspringende kleine, graue Etwasse auf der Strasse entpuppen sich als winzige Mäusekinder. In Zug gibt es ein weiteres Familientreffen, mein Bruder arbeitet hier.

Nach einer Nacht im Trockenen à la Veloreise mache ich mich bei Regen auf den Weiterweg. Die Herzroute steig wieder auf einen aussichtsreichen Hügel, doch bei dem Wetter ohne Aussicht verzichte ich darauf. Ich ändere die Route und folge der nationalen Veloroute 9, die mich über Baar und die Höllgrotten in das Lorzentobel führt. Die Lorze ist der Hauptfluss des Kantons Zug, der vom Ägerisee durch das tief eigeschnittene Lorzentobel in den Zugersee fliesst. Die Fahrt durch dieses Tobel ist auch bei Regen ganz wunderbar. Ein Feuersalamander kreuzt meinen Weg und hoch über mir überspannt die Lorzentobelbrücke die Schlucht.

Im Gegensatz zur Herzroute gibt es auf den anderen Routen immer wieder längere Abschnitte auf Hauptstrassen, so auch auf der Route 9. Ich erreiche den Ägerisee und bald das Schlachtendenkmal in Morgarten. Die Schlacht von Morgarten von 1315, die zwischen einem habsburgischen Heer unter Herzog Leopold von Österreich und den Schwyzern mit ihren Verbündeten ausgefochten wurde, ging als «erste Freiheitsschlacht» der Eidgenossen in die Geschichte ein.

Eine lange Steigung führt nach Rothenthurm und bald treffe ich wieder auf die Herzroute. Diese bringt mich über den Katzenstrick, von wo aus sich bei schönem Wetter ein toller Blick auf Einsiedeln auftut, nach Einsiedeln. Es ist noch früh, aber mittlerweile regnet es in Strömen und es ist ziemlich kalt. So nehme ich mir hier ein Zimmer und stelle mich bald unter eine wohltuende, heisse Dusche. Imposanter Mittelpunkt Einsiedelns ist die barocke Klosteranlage aus dem 18. Jahrhundert. Das Kloster ist seit dem Mittelalter einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte Europas.

Entlang des Sihlsees verlasse ich Einsiedeln bei schöner Nebelstimmung, um bald darauf den sausteilen Etzelpass zu erklimmen. Bei der Abfahrt kommt der Zürichsee ins Blickfeld und bald darauf befinde ich mich an dessen Ufern in Lachen. Über den mir unbekannten Buechberg erreiche ich die andere Seite des Sees, wo die Route dem Zürichsee entlang nach Rapperswil führt.

Die Route steuert nun auf den Bachtel zu und gewinnt wieder an Höhe. Der Himmel verdunkelt sich immer mehr und bald fallen wieder ein paar Tropfen. So lasse ich den Tag wieder früher schon auf dem Hasenstrick im gleichnamigen Landgasthof ausklingen. Ein Zimmer mit Seeblick gibt es ohne Aufpreis, obwohl vom See bei diesem Wetter sowieso nicht viel sichtbar ist.
In dichtestem Nebel geht es am nächsten Tag weiter nach Gibswil. Hier biege ich auf ein kleines Weglein ein, dass mich zur verborgenen Wissengubel Höhle bringt. Ein 20 Meter hoher Wasserfall giesst sich über den Fels an diesem schönen Rastplatz. Ich bin ganz alleine hier und geniesse diesen Ort eine lange Weile.
Weiter geht es über unzählige Hügel, die ich nur noch erahnen kann. Der Nebel ist so dicht, dass ich keine 10 Meter weit sehe. Das Fahren ist extrem anstrengend und fordert volle Konzentration. Auch runter geht’s nur sehr langsam, ich habe keine Ahnung, wie die engen Strassen verlaufen. Zudem muss ich bei den vielen Abzweigungen aufpassen, die Schilder der Herzroute nicht zu verpassen. In Wattwil biegt die Herzroute wieder in die Hügel ein, doch bei einer Sicht von Null muss ich mir die Perlen des Toggenburgs nicht anschauen und auch die Churfirsten fallen wohl dem Nebel zum Opfer.

Ich folge der Thur-Route der Thur entlang nach Lütisburg, dort geht es hoch nach Tufertschwil. Da für den nächsten Tag viel Regen vorausgesagt ist, lege ich im Landgasthof Rössli einen weiteren Ruhetag ein.
Der Besitzer empfängt mich, alles wirkt sehr sympathisch. Bis die drei Kinder einer Familie über mir beginnen, non-stop herumzutrampeln und zu schreien. Beim frühen Abendessen wir gleich hinter mir vom Personal ständig die Tür aufgelassen, zweimal stehe ich während des Essens auf, um sie zu schliessen, weil es so unangenehm und kalt reinzieht. Abends geht das Getrampel bis um 9 Uhr weiter, um am frühen Morgen um 7.15 wieder zu beginnen. Sonst ist es ganz nett hier, während einer trockenen Phase schaue ich mir den originellen Windrädli-Weg an.
Am nächsten Morgen will ich um 6.45 Uhr zum Frühstück, dass es ab 6.30 Uhr gibt. Der Chef sitzt an der Reception und fragt, ob ich zum Frühstück wolle, er hätte nämlich noch nichts vorbereitet und ich müsse eine halbe Stunde warten. Na ja, am Schluss verrechnet er mir noch einen zu teuren Tarif, welchen ich mit meinem nun doch etwas angestauten Unmut zurückweise.
Immerhin scheint wieder die Sonne und taucht die saftig grünen Wiesen mit den Tautropfen in ein wunderbares Glänzen. Durch einen dampfenden Wald geht es weiter und bald erreiche ich Herisau. Dort beginnt es schon wieder zu tropfen, aber zum Glück nicht lange. Ich halte vor einer Beiz, da laufen drei Arbeiter an mir vorbei:«Luag, z’Frölein hett kei Batterie. Sie muess sälber trampe.» Ich muss schmunzeln und bejahe das. Etwa 80% der Radfahrer, die mir bis jetzt begegnet sind, sind mit E-Bike unterwegs. Schon krass, wie sich das gewandelt hat in den letzten Jahren. Bei all diesen steilen Rampen wäre wohl manchmal ein bisschen Extrapower ganz schön gewesen, aber ich werde trotzdem bei meinem Stahlesel ohne Batterie bleiben. Obwohl ich einmal einem Vater zugehört habe, der seinem Sohn vor meinem Fahrrad erklärte:«Schau, das ist ein E-Bike und das hier (die Rahmentasche) ist die Batterie.» Nun, ganz falsch ist das ja nicht, zumal sich da meine Snacks befinden.
Die Herzroute steift die Stadt St. Gallen und überquert die tief unten in der Schlucht liegende Sitter über zwei spektakulär hohe Brücken. Dann eröffnet sich das Appenzell, mit seinen Höfen, Kühen und natürlich dem Blick auf den Alpstein. Mitten drin der markante Säntis.

Ich durchquere Stein, Heimat des Appenzeller Käses, und bald erreiche ich Appenzell selbst. Ein Ort, der mich irgendwie einfach sehr positiv überrascht, mit seinem Charme und all den farbigen Häusern. Weiter geht es mit sich stetig wandelnden Aussichten auf Säntis und Hohen Kasten, ich komme sehr langsam voran, weil ich ständig am Fotografieren bin. Es ist wirklich schön hier und ich bin froh, dass ich von dieser Etappe auch etwas sehe.
Nach all den Aussichten verschwindet die Route in einem Wald und nach einer längeren Abfahrt befinde ich mich im Rheintal. Jetzt könne ich einfach rechts abbiegen und ich wäre morgen zu Hause. Ich biege links ab, über einen Herzrouten-Extrahügel gelange ich nach Altstätten.

Selbstverständlich fahre ich die Herzroute zu Ende, jetzt wo so wenig fehlt. Nach Altstätten steigt die Strasse wieder an. 700 Meter geht es hoch, für diese Route eine längere, aber sehr angenehme Steigung. So könnte ich ewig hochfahren. Auf dem Aussichtspunkt St. Anton hat man einen wunderbaren Blick ins Vorarlbergische, ins Bayerische, ins Württembergische, ins Fürstentum und ins Rheintal. Sogar der Churer Hausberg Calanda ist zu sehen. Auf der anderen Seite erblicke ich das erste Mal den Bodensee.

Über Heiden und Walzenhausen verliert die Route an Höhe, um dann von Rheineck nochmals auf den Rorschacherberg anzusteigen. Dann aber folgt wirklich die Zielabfahrt nach Rorschach. Hier am Bodensee endet die Herzroute, die am anderen Ende der Schweiz am Genfersee begonnen hatte. Das Projekt Herzroute ist hiermit erfolgreich abgeschlossen.

Nun, jetzt könnte ich gemütlich in den Zug nach Chur steigen, doch das tue ich natürlich nicht. Jetzt biege ich nach rechts ab. Hätte ich mehr Zeit, würde ich eine andere Route fahren, aber da ich meine Ferien sowieso schon überziehe, geht es dem Rhein entlang direkt nach Hause. Der angesagte, sturmhafte Südwestwind hat mir mit seinen böigen Einlagen bei der Abfahrt schon den einen oder anderen Hieb verpasst, jetzt treibt er mich entlang des Bodensees schön voran. Das ändert sich natürlich, als der Weg bei St. Margrethen einen 90 Grad Knick macht. Südwind bedeutet im Rheintal vom Bodensee her kommend Gegenwind. Ich folge der Rhein-Route Nummer 2 und das Fahren zwischen Rhein und Autobahn wird bald eintönig und eher langweilig. Der immer stärker werdende Gegenwind macht das Fortkommen immer langsamer. In Buchs gebe ich auf und lenke mein Fahrrad auf den dortigen Campingplatz in der Nähe des Werdenberger Sees.

Der für die Nacht vorhergesagte Regen fällt erst am frühen Morgen kurz nach 6 Uhr, doch es sind nur ein paar Tropfen. Ich stehe auf, koche mir meinen Kaffee. Dabei sehe ich, wie der Himmel in Richtung Alpstein immer dunkler wird, es donnert irgendwo. Ich lasse meinen Kaffee stehen und packe schnell alles zusammen. Mein Rad steht gerade unter einem kleinen Dach, als es zu schütten beginnt. Ich frühstücke gemütlich zu Ende und warte eine Weile. Gemäss Radar sollte der Regen vorbeiziehen. Er lässt auch nach und ganz kurz scheint die Sonne. Optimistisch mache ich mich auf den Weg, doch noch in Buchs muss ich die ganze Regenausrüstung montieren. In strömendem Regen fahre ich weiter stundenlang dem Rhein entlang, heute immerhin ohne starken Wind. Soviel zum Thema Radar. Gegen Mittag erreiche ich gut durchnässt Chur, wo diese Tour ihr Ende findet.

Die Herzroute selbst ist wirklich eine tolle Route. Ihre Macher haben mit viel Herz und Leidenschaft ein wunderbares Wegnetz durch eine unbekannte, ländliche und überraschende Schweiz gefunden. Die perfekt ausgeschilderte Route 99 meidet viel mehr als alle anderen Velorouten die Hauptstrassen und man fährt meistens abseits verkehrsarm oder sogar verkehrsfrei auf Landstrassen und Waldwegen. Die Herzroute führt an unzähligen Bauernhöfen vorbei, wobei es sehr interessant ist, wie sich der Baustil der Häuser ändert. Ich kann die Herzroute sehr empfehlen, am besten sehr früh oder spät im Jahr, wenn der Veloverkehr etwas geringer ist.

The travel report lies on:

Herzroute route-099
Herzroute
Lausanne–Rorschach
To route