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Jura-Höhenweg route-05
Jura-Höhenweg
Dielsdorf–Nyon
Zur Route
Bonjour, les gars!

Bonjour, les gars!

Ein Reisebericht über meine erste Fernwanderung. Oder: Wie mich mein Grössenwahn über die Juragipfel trieb.

Der Drang, die Schweiz von der Haustür aus zu erkunden, die ersten sichtbaren Fettpölsterchen und eine zufällige Bekanntschaft, führten mich auf den Jura-Höhenweg. Die 16 Etappen von Dielsdorf bis nach Nyon sollten der Grundstein für ein perfekt geplantes Abenteuer sein.
Du kannst keinen Grundstein für ein Abenteuer legen

Und schon gar nicht planen. Die Zwangspause in allen aktiven Bereichen des Lebens, während der Corona-Krise im Jahr 2020, war jedoch perfekt für Pläne genau dieser Art. Meine Wunschroute einmal vom Engadin ins Berner Oberland zu marschieren, wurde nach einem Gespräch mit dem hiesigen Wanderguru jäh zerschmettert. Diese Bekanntschaft war ein riesen Zufall und mein grösstes Glück, um nicht bodenlos von mir selbst enttäuscht zu werden. Auf seinen Rat hin machte ich da weiter, wo meine Vorbereitung aufgehört hatte. Vor der eigenen Haustür.
Der Tiefpunkt ist erreicht – Anzahl Kilometer in den Beinen: 0

Da wohne ich nämlich, mitten im Wasserschloss der Schweiz. Dem tiefsten Punkt auf dem ganzen Jura-Höhenweg. Die Vorbereitung für die eigentliche Wunschroute, erwies sich auch auf der Nationalen Route Nr. 5 als extrem Wertvoll. Mit einem viel zu schweren Rucksack und mässiger Motivation - viel Regen, kalt und zu grosser Unsicherheit, ob das wirklich etwas für mich ist - startete ich Mitte Mai in Dielsdorf mein Abenteuer über die Jura-Höhen.
Es geht los

Die ersten vier Tage machte ich mir in meiner vertrauten Umgebung noch einmal über alle pro und kontra Argumente der Wanderung Gedanken und entschied mich definitiv für dieses Projekt. Die ersten beiden Nächte schlief ich – aufgrund der erwähnten Umstände – zu Hause und startete jeweils wieder beim End- und Startpunkt der Etappen 2 und 3.

Ich war extrem dankbar, wurde ich schon am zweiten Tag von einem Freund auf die Stafelegg begleitet. Der erste Tag hinterliess in physischer und psychischer Hinsicht einige Spuren. Es fehlte mir auch ein zuvor geplantes Vorbereitungsweekend mit «meinem» Wanderguru und mein Körper gab mir ebenfalls klare Zeichen, dass er lieber sanfter auf 83km in vier Tagen eingestellt worden wäre.

Wie sehr ich mich von der Natur einnehmen liess, spürte ich auf der vierten Etappe nach dem Abstieg von knapp 1000müM auf der Roggenflue, runter auf 489 müM nach Balsthal. Der vorbeipreschende Güterzug, die Landmaschinen, die sich durch meinen Kopf bohren und der pickelharte und gefühlt 60 Grad heisse Asphalt, machen die letzten Meter zum Bahnhof zur Tortur. Den letzten Wegweiser, des perfekt ausgeschilderten Höhenweg, übersehe ich und der Griff zum Handy lassen mich endgültig wieder in der Realität ankommen.

Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass die COVID-19 Massnahmen gelockert werden. Das bedeutete für mich, die Arbeit wieder aufzunehmen und eine Zwangspause von drei Tagen. Ich nahm das Geschenk dankend an.
Der schönste Ort abseits der Route

Mit personeller Verstärkung fuhr ich zurück in den Kanton Solothurn. Unser Ziel für das Nachtlager ist der Aussichtspunkt Röti. Dazu zu sagen gibt es, dass «unser» Wanderguru auch Leute beschwört, wenn es sein muss. Dass er uns besuchen kommt, war ihm bei der eindringlichen Empfehlung wohl schon bewusst. Die Überraschung ist ihm geglückt.

Die Röti ist leider (noch) nicht offiziell Teil des Jura-Höhenwegs aber erfreut sich immer grösserer Beliebtheit bei Outdoor-Freunden. Es lohnt sich, sich die Höhenmeter hinauf zu kämpfen. Nach unzähligen Panoramabildern, Sternen und dem einen oder anderen Schluck vom Gipfelwein, verabschiedete sich unser Besuch nach einer kurzen Nacht im Zelt und Biwaksack in der Morgendämmerung wieder. Die nächsten Gäste stiessen bei Kilometer 100 auf der Höhe Weissenstein zu uns.

Für die Etappe Nr. 6 nach Frinvillier liessen wir uns viel Zeit. Nach einem qualvollen Abstieg über unsanftes und zerfahrenes Gelände, fanden wir uns im kleinen Transitdorf Frinvillier wieder. Der Fluss im Dorf und ein kühles Blondes «take away» bei der Taubenlochschlucht, gab unseren lädierten Körper die nötige Frische zurück.
Jura in my face

Im Jura kann es dich mal so, mal so erwischen.
Auf der siebten Etappe hat es uns auf dem Weg zum Chasseral so erwischt: Nass, kalt, stürmisch und unfreundlich. Mitten ins Gesicht. Trotzdem gab es beim Käser mit Beiz ein Mitleids-Fondue, dass wir uns aufwärmen und neue Energie tanken konnten, damit wir auch schnell wieder gingen.

Das grösste Glück an diesem Tag war der Bus, den ein Freund tags zuvor auf der Höhe parkiert hatte und uns am Ende des Tages sicher vom Berg fuhr. Ein wahrer Retter in Not, der trotz mässigen Wetterprognosen die siebte Etappe mit uns bestritt.

Wir verbrachten die Nacht in einem kleinen Hotel in Nods und reorganisierten uns.
Am nächsten Morgen waren die meisten Kleider und das Zelt wieder trocken und im Zweiergespann steuerten wir Richtung Vue des Alpes – Ziel der Etappe Nr. 8. Seit dem Re-Start in Balsthal sind vier Tage vergangen und für die letzte Nacht fanden wir etwas weiter oberhalb der Passhöhe von «Vue des Alpes» ein schönes Plätzchen für unser Nachtlager. Das Gas ging uns aus und so wurde unser Risotto-, Couscous-, Tomaten-, Paprika-Eintopf auf einer bereits vorhandenen Feuerstelle gar gekocht.
Gute Nacht und weiter geht’s – Anzahl Kilometer in den Beinen: 160

Ein Plätzchen im Windschatten zu finden, ist beinahe unmöglich. Und so mussten wir uns einmal mehr den tiefen Temperaturen und eisigen Verhältnissen geschlagen geben. Früh ins Bett und die ersten Sonnenstrahlen nutzen, um die Körpertemperatur wieder auf Touren zu bringen.

Wir verzichteten auf ein ausgiebiges Reste-Essen-Zmorge und fanden uns sechs Stunden später am Bahnhof Noiraigue wieder. Etappe 9 ist geschafft. In Erinnerung bleibt uns an diesem Tag vor allem eine super Métairie (bäuerliche Gaststube), bei der wir ausgiebig für unser letztes Bargeld mit Speis und Trank versorgt worden sind und eine Wasserstation eines Bauers vor dem letzten Aufstieg. Die nächsten Tage werden, neben der Arbeit im Homeoffice, für Regeneration und eine tagesaktuelle Planung der nächsten Etappen genutzt.
Ein paar Selfies und dann weiter

Am letzten Maiwochenende durfte ich für die erste Doppeletappe auf die Unterstützung einer Freundin zählen. Auf den 32km der Etappen 10 und 11, von Noiraigue bis nach Sainte-Croix, gibt es einige Influencer-Hotspots. Natürlich liessen wir es uns auch nicht nehmen, die abgetreten Grasflächen auf den Felskuppen beim Creux du Van zu zelebrieren. Nach ein paar Selfies ging es dann aber auch weiter. Wenn ihr ein lauschiges Plätzchen für die Nacht sucht, bleibt ein wenig oberhalb vom Dorf Ste-Croix und klärt mit den Grundbesitzern, ob ihr auf einer dieser wunderschönen Matten für eine Nacht campieren dürft.

Nach dieser Strecke gingen wir es am nächsten Morgen etwas ruhiger an gönnten wir uns zuerst einen Kaffee im umtriebigen Dorfkern. Ich fühlte mich etwas frischer als meine Begleitung und wir beschlossen, uns am Ziel der zwölften Etappe wieder zu treffen. Ich erleichterte mich von einem Teil von meinem Gepäck und bestritt eine Tempoetappe nach Vallorbe. In diesem malerischen Dorf angekommen sehnte sich mein Körper nach einem Eisbad in der L’Orbe, das ich ihm nicht vergönnte. Das Abendessen kochten wir bei Sonnenuntergang auf einer öffentlichen Pergola mit Blick auf die farbige Dorfkulisse – Ferienfeeling pur.

Zurück zur Normalität – Anzahl Kilometer in den Beinen 250km

Etappe 13 forderte, vor allem aufgrund des massiven Energieverbrauchs der letzten beiden Tage, noch einmal volle Konzentration. Auf dem Dent du Vaulion wurde uns bewusst, dass wir erneut am Ende eines tollen Abenteuers sind. Die Leute fuhren mit dem Auto quasi in die Bergbeiz und posierten mit hohen Absätzen vor dem eindrücklichen Blick über das Vallée de Joux nahe der französischen Grenze. Eine wunderschöne Etappe die am Ende in Le Pont mit einem erfrischenden Bad im Lac de Joux gebührend belohnt wurde.
Wenn du zum ersten Mal einen Menschen siehst

Nun ist es Anfang Juni und ich arbeite wieder Vollzeit. Eine ganze Woche musste ich mich auf die finale Challenge warten! Drei Etappen, zwei Tage, ein Ziel: Genfersee. Zurück im Waadtland freute ich mich auf den höchsten Berg des Schweizer Juras – den Mont Tendre – und die 40km auf den verlassenen Pfaden dieser eindrücklichen Bergketten.

Unterwegs traf ich tatsächlich noch ein paar Menschen und Kühe. Sehr viele Kühe, die wohl genau so überrascht von Menschen waren, wie ich. Ziemlich direkt wurde mir klar gemacht, dass ich nicht hierher gehöre und so war ich diverse Male gezwungen einen Umweg zu suchen. Obwohl die Wanderwege oft mitten durch die Weiden führen, ist es nicht zu empfehlen, Mutterkühe und ihre Kälber zu stören oder ihnen zu nahe zu kommen. Ich war erleichtert, als ich vor allem sehr müde im Kopf, oberhalb von St-Cergue ankam und mich auf einem kleinen Campingplatz für die Nacht einrichten konnte.
Am Ende kommt alles gut. Und wenn es nicht gut kommt, ist es nicht das Ende.

Leider hat es die ganze Nacht geregnet und ich konnte mich nur bedingt für die letzten 25km erholen.
Mit einem nassen Zelt und den letzten Essensvorräten im Rucksack, beförderte ich mich zurück auf den Höhenweg. Der letzte Aufstieg führte mich auf den La Dôle, die Nummer zwei der Schweizer Juragipfel. Es regnete zwar nicht mehr, trotzdem blieb mir eine erfrischende Aussicht zu den Alpen auch heute verwehrt.

In den nächsten Stunden ging es in vielerlei Hinsichten nur noch abwärts. Unwegsames Gelände, dichter Nebel, voranschreitende Müdigkeit und eine immer kleiner werdende Hoffnung, am Ende des Tages am Ufer des Genfersees, meinen Triumph zu feiern.

Leider kam es genau so, als ich um 16 Uhr in Nyon am Bahnhof ankam. Die Enttäuschung wich jedoch sehr schnell dem Gefühl von Erleichterung und Stolz. Das Lachen in meinem Gesicht war eines der ehrlichsten in meinem ganzen Leben. Die Dankbarkeit ein solches Abenteuer erleben zu dürfen und mit meinen Freunden zu teilen ist unendlich gross. Für mich wird der Jura-Höhenweg immer ein prägendes Erlebnis bleiben. Au revoir, les gars!


Vorbereitung: Wandertraining mit vergleichbaren Routen und Gepäck von Vorteil
Wanderroute: leicht bis anspruchsvoll, keine regelmässigen Wasserstellen, nicht für Kinderwagen geeignet
Ein Reisebericht über meine erste Fernwanderung. Oder: Wie mich mein Grössenwahn über die Juragipfel trieb.

Der Drang, die Schweiz von der Haustür aus zu erkunden, die ersten sichtbaren Fettpölsterchen und eine zufällige Bekanntschaft, führten mich auf den Jura-Höhenweg. Die 16 Etappen von Dielsdorf bis nach Nyon sollten der Grundstein für ein perfekt geplantes Abenteuer sein.
Du kannst keinen Grundstein für ein Abenteuer legen

Und schon gar nicht planen. Die Zwangspause in allen aktiven Bereichen des Lebens, während der Corona-Krise im Jahr 2020, war jedoch perfekt für Pläne genau dieser Art. Meine Wunschroute einmal vom Engadin ins Berner Oberland zu marschieren, wurde nach einem Gespräch mit dem hiesigen Wanderguru jäh zerschmettert. Diese Bekanntschaft war ein riesen Zufall und mein grösstes Glück, um nicht bodenlos von mir selbst enttäuscht zu werden. Auf seinen Rat hin machte ich da weiter, wo meine Vorbereitung aufgehört hatte. Vor der eigenen Haustür.
Der Tiefpunkt ist erreicht – Anzahl Kilometer in den Beinen: 0

Da wohne ich nämlich, mitten im Wasserschloss der Schweiz. Dem tiefsten Punkt auf dem ganzen Jura-Höhenweg. Die Vorbereitung für die eigentliche Wunschroute, erwies sich auch auf der Nationalen Route Nr. 5 als extrem Wertvoll. Mit einem viel zu schweren Rucksack und mässiger Motivation - viel Regen, kalt und zu grosser Unsicherheit, ob das wirklich etwas für mich ist - startete ich Mitte Mai in Dielsdorf mein Abenteuer über die Jura-Höhen.
Es geht los

Die ersten vier Tage machte ich mir in meiner vertrauten Umgebung noch einmal über alle pro und kontra Argumente der Wanderung Gedanken und entschied mich definitiv für dieses Projekt. Die ersten beiden Nächte schlief ich – aufgrund der erwähnten Umstände – zu Hause und startete jeweils wieder beim End- und Startpunkt der Etappen 2 und 3.

Ich war extrem dankbar, wurde ich schon am zweiten Tag von einem Freund auf die Stafelegg begleitet. Der erste Tag hinterliess in physischer und psychischer Hinsicht einige Spuren. Es fehlte mir auch ein zuvor geplantes Vorbereitungsweekend mit «meinem» Wanderguru und mein Körper gab mir ebenfalls klare Zeichen, dass er lieber sanfter auf 83km in vier Tagen eingestellt worden wäre.

Wie sehr ich mich von der Natur einnehmen liess, spürte ich auf der vierten Etappe nach dem Abstieg von knapp 1000müM auf der Roggenflue, runter auf 489 müM nach Balsthal. Der vorbeipreschende Güterzug, die Landmaschinen, die sich durch meinen Kopf bohren und der pickelharte und gefühlt 60 Grad heisse Asphalt, machen die letzten Meter zum Bahnhof zur Tortur. Den letzten Wegweiser, des perfekt ausgeschilderten Höhenweg, übersehe ich und der Griff zum Handy lassen mich endgültig wieder in der Realität ankommen.

Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass die COVID-19 Massnahmen gelockert werden. Das bedeutete für mich, die Arbeit wieder aufzunehmen und eine Zwangspause von drei Tagen. Ich nahm das Geschenk dankend an.
Der schönste Ort abseits der Route

Mit personeller Verstärkung fuhr ich zurück in den Kanton Solothurn. Unser Ziel für das Nachtlager ist der Aussichtspunkt Röti. Dazu zu sagen gibt es, dass «unser» Wanderguru auch Leute beschwört, wenn es sein muss. Dass er uns besuchen kommt, war ihm bei der eindringlichen Empfehlung wohl schon bewusst. Die Überraschung ist ihm geglückt.

Die Röti ist leider (noch) nicht offiziell Teil des Jura-Höhenwegs aber erfreut sich immer grösserer Beliebtheit bei Outdoor-Freunden. Es lohnt sich, sich die Höhenmeter hinauf zu kämpfen. Nach unzähligen Panoramabildern, Sternen und dem einen oder anderen Schluck vom Gipfelwein, verabschiedete sich unser Besuch nach einer kurzen Nacht im Zelt und Biwaksack in der Morgendämmerung wieder. Die nächsten Gäste stiessen bei Kilometer 100 auf der Höhe Weissenstein zu uns.

Für die Etappe Nr. 6 nach Frinvillier liessen wir uns viel Zeit. Nach einem qualvollen Abstieg über unsanftes und zerfahrenes Gelände, fanden wir uns im kleinen Transitdorf Frinvillier wieder. Der Fluss im Dorf und ein kühles Blondes «take away» bei der Taubenlochschlucht, gab unseren lädierten Körper die nötige Frische zurück.
Jura in my face

Im Jura kann es dich mal so, mal so erwischen.
Auf der siebten Etappe hat es uns auf dem Weg zum Chasseral so erwischt: Nass, kalt, stürmisch und unfreundlich. Mitten ins Gesicht. Trotzdem gab es beim Käser mit Beiz ein Mitleids-Fondue, dass wir uns aufwärmen und neue Energie tanken konnten, damit wir auch schnell wieder gingen.

Das grösste Glück an diesem Tag war der Bus, den ein Freund tags zuvor auf der Höhe parkiert hatte und uns am Ende des Tages sicher vom Berg fuhr. Ein wahrer Retter in Not, der trotz mässigen Wetterprognosen die siebte Etappe mit uns bestritt.

Wir verbrachten die Nacht in einem kleinen Hotel in Nods und reorganisierten uns.
Am nächsten Morgen waren die meisten Kleider und das Zelt wieder trocken und im Zweiergespann steuerten wir Richtung Vue des Alpes – Ziel der Etappe Nr. 8. Seit dem Re-Start in Balsthal sind vier Tage vergangen und für die letzte Nacht fanden wir etwas weiter oberhalb der Passhöhe von «Vue des Alpes» ein schönes Plätzchen für unser Nachtlager. Das Gas ging uns aus und so wurde unser Risotto-, Couscous-, Tomaten-, Paprika-Eintopf auf einer bereits vorhandenen Feuerstelle gar gekocht.
Gute Nacht und weiter geht’s – Anzahl Kilometer in den Beinen: 160

Ein Plätzchen im Windschatten zu finden, ist beinahe unmöglich. Und so mussten wir uns einmal mehr den tiefen Temperaturen und eisigen Verhältnissen geschlagen geben. Früh ins Bett und die ersten Sonnenstrahlen nutzen, um die Körpertemperatur wieder auf Touren zu bringen.

Wir verzichteten auf ein ausgiebiges Reste-Essen-Zmorge und fanden uns sechs Stunden später am Bahnhof Noiraigue wieder. Etappe 9 ist geschafft. In Erinnerung bleibt uns an diesem Tag vor allem eine super Métairie (bäuerliche Gaststube), bei der wir ausgiebig für unser letztes Bargeld mit Speis und Trank versorgt worden sind und eine Wasserstation eines Bauers vor dem letzten Aufstieg. Die nächsten Tage werden, neben der Arbeit im Homeoffice, für Regeneration und eine tagesaktuelle Planung der nächsten Etappen genutzt.
Ein paar Selfies und dann weiter

Am letzten Maiwochenende durfte ich für die erste Doppeletappe auf die Unterstützung einer Freundin zählen. Auf den 32km der Etappen 10 und 11, von Noiraigue bis nach Sainte-Croix, gibt es einige Influencer-Hotspots. Natürlich liessen wir es uns auch nicht nehmen, die abgetreten Grasflächen auf den Felskuppen beim Creux du Van zu zelebrieren. Nach ein paar Selfies ging es dann aber auch weiter. Wenn ihr ein lauschiges Plätzchen für die Nacht sucht, bleibt ein wenig oberhalb vom Dorf Ste-Croix und klärt mit den Grundbesitzern, ob ihr auf einer dieser wunderschönen Matten für eine Nacht campieren dürft.

Nach dieser Strecke gingen wir es am nächsten Morgen etwas ruhiger an gönnten wir uns zuerst einen Kaffee im umtriebigen Dorfkern. Ich fühlte mich etwas frischer als meine Begleitung und wir beschlossen, uns am Ziel der zwölften Etappe wieder zu treffen. Ich erleichterte mich von einem Teil von meinem Gepäck und bestritt eine Tempoetappe nach Vallorbe. In diesem malerischen Dorf angekommen sehnte sich mein Körper nach einem Eisbad in der L’Orbe, das ich ihm nicht vergönnte. Das Abendessen kochten wir bei Sonnenuntergang auf einer öffentlichen Pergola mit Blick auf die farbige Dorfkulisse – Ferienfeeling pur.

Zurück zur Normalität – Anzahl Kilometer in den Beinen 250km

Etappe 13 forderte, vor allem aufgrund des massiven Energieverbrauchs der letzten beiden Tage, noch einmal volle Konzentration. Auf dem Dent du Vaulion wurde uns bewusst, dass wir erneut am Ende eines tollen Abenteuers sind. Die Leute fuhren mit dem Auto quasi in die Bergbeiz und posierten mit hohen Absätzen vor dem eindrücklichen Blick über das Vallée de Joux nahe der französischen Grenze. Eine wunderschöne Etappe die am Ende in Le Pont mit einem erfrischenden Bad im Lac de Joux gebührend belohnt wurde.
Wenn du zum ersten Mal einen Menschen siehst

Nun ist es Anfang Juni und ich arbeite wieder Vollzeit. Eine ganze Woche musste ich mich auf die finale Challenge warten! Drei Etappen, zwei Tage, ein Ziel: Genfersee. Zurück im Waadtland freute ich mich auf den höchsten Berg des Schweizer Juras – den Mont Tendre – und die 40km auf den verlassenen Pfaden dieser eindrücklichen Bergketten.

Unterwegs traf ich tatsächlich noch ein paar Menschen und Kühe. Sehr viele Kühe, die wohl genau so überrascht von Menschen waren, wie ich. Ziemlich direkt wurde mir klar gemacht, dass ich nicht hierher gehöre und so war ich diverse Male gezwungen einen Umweg zu suchen. Obwohl die Wanderwege oft mitten durch die Weiden führen, ist es nicht zu empfehlen, Mutterkühe und ihre Kälber zu stören oder ihnen zu nahe zu kommen. Ich war erleichtert, als ich vor allem sehr müde im Kopf, oberhalb von St-Cergue ankam und mich auf einem kleinen Campingplatz für die Nacht einrichten konnte.
Am Ende kommt alles gut. Und wenn es nicht gut kommt, ist es nicht das Ende.

Leider hat es die ganze Nacht geregnet und ich konnte mich nur bedingt für die letzten 25km erholen.
Mit einem nassen Zelt und den letzten Essensvorräten im Rucksack, beförderte ich mich zurück auf den Höhenweg. Der letzte Aufstieg führte mich auf den La Dôle, die Nummer zwei der Schweizer Juragipfel. Es regnete zwar nicht mehr, trotzdem blieb mir eine erfrischende Aussicht zu den Alpen auch heute verwehrt.

In den nächsten Stunden ging es in vielerlei Hinsichten nur noch abwärts. Unwegsames Gelände, dichter Nebel, voranschreitende Müdigkeit und eine immer kleiner werdende Hoffnung, am Ende des Tages am Ufer des Genfersees, meinen Triumph zu feiern.

Leider kam es genau so, als ich um 16 Uhr in Nyon am Bahnhof ankam. Die Enttäuschung wich jedoch sehr schnell dem Gefühl von Erleichterung und Stolz. Das Lachen in meinem Gesicht war eines der ehrlichsten in meinem ganzen Leben. Die Dankbarkeit ein solches Abenteuer erleben zu dürfen und mit meinen Freunden zu teilen ist unendlich gross. Für mich wird der Jura-Höhenweg immer ein prägendes Erlebnis bleiben. Au revoir, les gars!


Vorbereitung: Wandertraining mit vergleichbaren Routen und Gepäck von Vorteil
Wanderroute: leicht bis anspruchsvoll, keine regelmässigen Wasserstellen, nicht für Kinderwagen geeignet

Dieser Reisebericht liegt an:

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